DAMENWAHL
von Gunda Wirschun
Damenwahl? Oh - Göttin, hab ich mich etwa vertan? -
Aber "Wahl" kommt doch von "wählen", oder? Okay, machen wir es kurz - ich hab diesmal einen männlichen Autor gewählt. Einen Nachwuchsautor sozusagen, aber keinen von der "jung - eune-young - generation".
Hermann Schulz, Jahrgang 1938, publizierte als Leiter des Wuppertaler Peter-Hammer-Verlags (übrigens als Nachfolger von Johannes Rau) jahrzehntelang AutorInnen, insbesondere aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Eigene Bücher, sachorientiert, veröffentlichte er in anderen Verlagen (z.B. "Nicaragua - eine amerikanische Vision").
1998 erschien sein erstes Jugendbuch im Carlsen-Verlag: "Auf dem Strom".
Schulz, selbst als Sohn eines Missionars in Ostafrika geboren, schildert hier die Geschichte des Missionars Friedrich Ganse. Um seine totkranke Tochter Gertrud zu retten, machte er sich in einem Boot auf die Reise zum fünf Tagesreisen entfernten - europäischen - Hospital. Fünf Tage allein mit der Tochter auf einem afrikanischen Strom, der Hitze und tropischen Gewittern ausgesetzt, in Gefahr vor Krokodilen und reißenden Stromschnellen. Die Nächte verbringen sie in Dörfern am Fluss, begegnen dort der "afrikanischen Lebensart" und unvergleichlichen Menschen, die zu Gertruds Rettung beitragen. Als sie in der Stadt ankommen, erfahren sie, dass das Hospital geschlossen wurde - aber Gertrud braucht es ohnehin nicht mehr, denn sie ist gesund. Die Reise "auf dem Strom" ist für Ganse auch eine Reise zu sich selbst - und zu seiner Tochter, tief in Afrika. Die Liebe des Autors zu diesem Kontinent und seinen Bewohnern machen dieses äußerlich unscheinbare - von Wolf Erlbruch illustrierte - Buch zu einem aufregenden und anrührenden Leseerlebnis.
Schauplätze des neuen Romans "Iskender" von Hermann Schulz (Carlsen 1999) sind Anatolien, Ankara und Duisburg. Asaf Karpat, Nachkomme einer anatolischen Schafzüchterfamilie, erfährt während seiner Militärzeit, dass er einen Sohn in Deutschland hat, gezeugt mit einer jungen Prostituierten in Duisburg-Ruhrort, mit der ihn eine kurze Liebschaft verband. Die Frau ist inzwischen tot, der siebenjährige Alexander soll geistig behindert sein und in einem Heim leben. Asaf Karpat geht zurück nach Deutschland, auf die auf die Suche nach seinem Sohn.
Monate später in Yeniköy bei Antalya. Beim alten Raul Karpat und seiner Frau Ayse taucht ein kleiner Junge auf: Iskender, ein stilles, verschlossenes, zurückgebliebenes Kind, ihr Enkelsohn. Erst im Zusammensein mit den beiden liebevollen Alten und in der Ausbildung als Schafhirte entwickelt sich Iskender - ganz langsam - zu einem starken, fröhlichen Jungen. Doch eines Tages kommt ein Brief von der deutschen Botschaft in Ankara: Der Junge sei ein deutsches Kind und müsse zurückgeführt werden...
Die Geschichte um Iskender-Alexander ist aus unterschiedlichen Erzählsträngen zusammengesetzt. Es geht auch um die Liebesgeschichte zwischen Leyla, der Botschafts- angestellten mit ungutem Auftrag, und dem Musikstudenten Paul. Es geht um die alte Fahriunusa, Leylas Großmutter, und um ein wichtiges Konzert. Aber in allererster Linie geht es um einen zutiefst verstörten, "illegalen" kleinen Jungen, der fernab von Institutionen und ärztlicher Betreuung einen Ort und einen Weg für sich findet.
Hermann Schulz ist ein Newcomer im Jugendbuchbereich. Ich empfehle seine Bücher allen, die gern mal über den eigenen Tellerrand gucken - sei es nach Ostafrika oder Anatolien.
Und ob es sich wirklich um "Jugendbücher" handelt? Ach - solche Etiketten belasten doch nur..!