Literatur

DAMENWAHL

von Gunda Wirschun

"Mein" Buch des Jahrhunderts? Darüber muss ich erst noch weiter nachdenken.

Ob ich es herausfinden werde und mit Sicherheit benennen kann? Ich bezweifle es.

Ein Buch derart hervorzuheben, weil alle Welt von "Millennium" spricht - das lässt alle anderen, mir wichtigen Bücher, geringer erscheinen. Es ist nicht das Buch, es sind viele Bücher. Viele Bilder. Viele Geschichten. Das ist ja gerade das Schöne!

Und so habe ich mich im Januar - Willi für ein Buch entschieden, das mir einfach im Moment gut gefällt - den schmalen Roman einer ganz jungen schwedischen Autorin:

"Tanz auf dünnem Eis" von Pernilla Glaser.

Es geht hier ( nach Elisabeth Evertz' Tip "I.M." von Connie Palmen) wieder um den Tod eines nahestehenden, geliebten Mannes. Er, Robson, gebürtiger Brasilianer, Tänzer, Schauspieler und Gepäckkarrenfahrer, ist 22, als er sich um eine Rolle bei der Theatergruppe Zirkus Tigerbrand als "schwedischer Neger" bewirbt. Sie, Pernilla, ist noch jünger, sehr talentiert, man sagt ihr eine große Karriere als Theaterregisseurin voraus. Beide verlieben sich. Leise, zaghaft zuerst - weil man mit jemandem aus dem Ensemble nicht anbändelt.

Dann packt es sie mit Haut und Haaren. So eine Liebe hat sie noch nie empfunden. Aber die Unbeschwertheit dauert nicht lange. Robsons Hirntumor, längst besiegt geglaubt, bricht an anderer Stelle wieder aus. Sie nehmen den Kampf auf, voller Zuversicht zunächst, voller Hoffnung . Aber die Krankheit ist unbesiegbar. Pernilla, die Zwanzigjährige, gibt ihre Karriere auf, um Robson zu pflegen. Sie opfert sich bis zur Selbstaufgabe für ihn und das kurze Stück Leben, das sie noch miteinander haben, bekommt dabei einen scharfen Blick für die "kleinen Dinge" des Lebens, und sehnt irgendwann - genau wie er - nur noch das Ende herbei.

Pernilla schreibt alles auf. Was davon in dem Buch übrigbleibt, ist in direkter Rede an ihren Mann gerichtet. Sie rekapituliert Ereignisse und Empfindungen sachlich, klar, schnörkellos, unsentimental - und mit großem dramaturgischem Können.

"Mit Sentimentalität nimmt man dem Leser das Recht, selbst zu fühlen," sagt sie in einem Interview.

Die Originalausgabe "Robson" erschien 1995 in Stockholm und avancierte in Schweden rasch zum Bestseller, erstaunlich genug für das Debüt einer völlig Unbekannten, das zudem noch gefährlich nahe - wieder einmal - am Klischee "Jugendbuch" vorbeischrammt.

Pernilla Glaser, Theaterregisseurin und Dramaturgie-Dozentin, erzählt von ihrer eigenen Grenzerfahrung und dankt dabei allen, "die mich in den Armen gehalten und an mich gedacht haben. Für alle, die mit mir gesprochen und mir zugehört haben. Für alle, die mit mir gegessen und bei mir übernachtet haben und mir bei tausend praktischen Dingen behilflich gewesen sind. Für alle, die ich rund um die Uhr anrufen durfte und die dann auch kamen..."

Es ist ein tieftrauriges Buch. Aber nicht nur. Gleichzeitig lesen wir die authentische und kraftvolle Geschichte eines Aufbruchs in die Freiheit, schmerzvoll, erinnerungsträchtig, aber auch "erleichtert" und nach vorn gerichtet.

Pernilla Glaser: "Es ist das Bedürfnis, dem Geschehen eine Form zu geben, die eine Brücke zwischen dem Alltäglichen und der Unbegreiflichkeit des Todes sein kann. Jemand, den du liebst, stirbt, und du putzt dir die Zähne, gehst deinen Gewohnheiten nach..."

Es ist - sage ich - das Bedürfnis, den Tod zu verdrängen, dass einen nicht spontan zu solchen Büchern greifen lässt. Aber keine Angst vorm Lesen: Pernilla ist am Ende stärker als je zuvor...

Interviewzitate aus: Bulletin Jugend und Literatur 8/99

Pernilla Glaser: Tanz auf dünnem Eis. Carlsen Verlag 1999