Literatur

DAMENWAHL

von Elisabeth Evertz - Buchhandlung Akzente -

Passend zum Jahres-, Jahrhundert- usw. - Wechsel gibt es ein Buch mit dem Titel "Was machen wir jetzt?" Es ist ein neues Buch der Filmemacherin Doris Dörrie, dessen Handlung im Sommer des Jahres 2000 stattfindet.

Dörrie, vor allem in Verbindung mit ihrem Film "Männer" in Deutschland bekannt, hat sich auch in ihrem ersten Roman "Was machen wir jetzt?" für eine männliche Hauptfigur entschieden, aus dessen Sicht die ganze Geschichte erzählt wird. "Ich bin im Begriff meine Familie zu verlieren. Meine Ehe ist auf dem Hund und meine Tochter Franka hat sich in einen Kerl verknallt, der sie nach Indien entführen will." - so der Beginn des Buches.

Wir lernen Fred Kaufmann kennen, Mitvierziger und Altidealist, der sich mit seiner 16jährigen Tochter auf dem Weg zu einem buddhistischen Kloster in Südfrankreich macht, wo Franka einen Lama trifft, in den sie sich im Frühjahr verliebt hat, als sie ebendort schon einmal mit ihrer Mutter weilte. Fred hat während der Fahrt reichlich Zeit und Gelegenheit, sich Gedanken über sein Leben und seine Beziehung zu seiner Frau und seiner Tochter, die unter Kopfhörern auf der Rückbank sitzt, zu machen. In teil schnodderigem Ton resümiert er: die gescheiterten Studienpläne, die unerwartete berufliche Entwicklung von Vollwertrestaurant zur amerikanischen Kette "Bagel & Coffee", die bequeme Freundschaft mit seiner Frau Claudia, die zunehmende Entfremdung von ihr, seine verantwortungslose Suche nach sexueller Befriedigung, die liebevollen Erinnerungen an das Baby und Kleinkind Franka, die heutige Hilflosigkeit angesichts der fehlenden Kommunikation mit ihr und die Ratlosigkeit über die weitere Entwicklung seiner Familie.

Ja, es ist tatsächlich eine Art Reise zu sich selbst, die Fred Kaufmann unternimmt. Zunächst erfüllt von Ängsten, Lächerlichkeiten und Vorurteilen über die Vorstellungen vom Leben im Kloster und zunehmend voller Irritation über Begegnungen mit Männern, die anders im Leben stehen als er. Doris Dörrie lässt ihre "Helden" zum Glück nicht in eine friedvolle Erleuchtung in buddhistischer Umgebung eintauchen. Fred bleibt auf Distanz; immer mehr um sein körperliches als sein spirituelles Wohl besorgt, und dennoch nicht unberührt bleibend von den Fragen, die

sich ihm, in der Gesellschaft mehr oder weniger erleuchteter Möchtegern-Aussteiger-Innen aufdrängen.

Es macht Spaß dieses Buch zu lesen, es ist sehr flott geschrieben, voller Selbstironie, die das Selbstmitleid zum Glück bei weitem aufwiegt, und doch anregend und einladend zum Innehalten, so man sich denn ansprechen lässt von buddhistischen Weisheiten. Es lässt sich auch lesen, wie sich ein Film von Doris Dörrie anschauen lässt: etwas skurrile Typen, überraschende Handlungsverläufe, treffende Komik, leicht überdrehte Endungen und schöne, gute Unterhaltung. Bei der Lektüre vergisst man gar, dass es ein Buch aus deutschen Ländern ist: diese Art von unangestrengter Unterhaltung erinnert eher an britische Erzählstile und das ist ein klares Plus für Frau Dörrie. (Ein kleines Minus erhält sie von mir für den zu großen Anteil von Sex in der Gedankenwelt von Fred Kaufmann - oder sieht die Innenwelt von Männern, die sich früher für unangepasst und links hielten und sich heute mit dem Gedanken des Alterns auseinandersetzen müssen wirklich so aus?) Das müssen Männer beurteilen. Viel Spaß beim Lesen wünsche ich jedoch Allen!

Doris Dörrie: Was machen wir jetzt? Diogenes Verlag 2000, DM 39,90