Voller Kanal und Würgerradio
Eine Büttenrede von André Schörnig
Liebe Leute, es ist wirklich Zeit, endlich mal ein Tabu zu brechen. Lasst uns darüber sprechen. Ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der panische Angst davor hat, abends gegen 19 Uhr das Auto zu betreten und den Motor (und damit meistens auch das Radio) anzumachen. Panische Angst vor dem, was da aus dem Radio kommen könnte; Heinz Budde, Sound Convoy, Superkracher mit Fucker usw.
Ich weiß auch, dass sich viele Kabelkunden nicht mehr trauen einfach und unbekümmert zu zappen. Zu leicht wäre hier die Gefahr plötzlich beim Offenen Kanal zu landen und die kranken Schwestern bei ihrer Tea-Time zu sehen ("nur" sehen zum Glück, denn der Ton ist in der Regel so schlecht, dass man gnädigerweise nichts versteht).
Es heißt, jeder könne Bürgerradio und Bürgerfernsehen machen, doch das stimmt nicht. Persönliche Nachforschungen haben ergeben, dass man ganz bestimmte Voraussetzungen mitbringen muss. Sie selbst können so testen, ob sie geeignet sind beim Hammer Bürgerradio bzw. beim Offenen-Kanal mitzumachen.
Wollen sie ins Fernsehen, dann lesen sie hier weiter:
Entweder muss man dort Rentner und/oder über 55 Jahre alt sein. Ist man jünger und noch kein Rentner muss man wenigstens doof sein. Doof ist natürlich ein äußerst
subjektiver Begriff und von mir aus nicht mal böse gemeint, doch schlage ich demjenigen vor, der sich nicht genau sicher ist, ob er dazugehört, solange OK zu sehen, bis dort ein junger Mensch ausgestrahlt wird. Er wird dann unschwer erkennen können was ich mit "doof" meine.
2.) Man sollte ein für allemal mit dem Glaubensgrundsatz aufräumen, ein Fernsehbild wäre nur dann perfekt wenn die Kamera ruhig gehalten wird. Ein zitterndes, wackelndes Bild kann durchaus reizvoll sein.
3.) Man sollte ein Gespür dafür haben, was der Zuschauer garantiert nicht sehen will. Nicht etwa um solche Sendungen weglassen zu können, sondern um sie auf jeden Fall zu senden. Beliebte Beiträge sind u.a. Kaffeefahrten, Seniorenreisen nach Wyk auf Föhr, Karnevalssitzungen der Hammer Funken, ZwARler beim Fassanstechen oder ein Spinner, der mit einer laufenden Kamera im Auto durch die Gegend fährt.
4.) Sollten Sie planen eine Live- Sendung auszustrahlen, rate ich Ihnen, dem Beispiel ihrer Vorgänger treu zu bleiben und sich die Themenauswahl, sowie die Planung für den Programmablauf bis nach der Sendung aufzusparen.
5.) Auch sollten sie bei Live- Shows versuchen einen tollen Promi nachzuahmen. Doch Vorsicht, das Fliege- und Ilona Christen Double existiert bereits.
6.) Seien Sie nie, aber auch niemals nur annähernd witzig.
7.) Probieren sie es aber bitte immer!
Wollen Sie ins Radio, dann sind Sie hier richtig:
1.) Sie brauchen Connections, ganz klar. Fragen Sie mal nächste Woche in der Disco nach, ob Ibo für Sie einen Jingle spricht, oder ob Costa Cordalis für ein Interview bereit steht. Machen die bestimmt.
2.) Lassen Sie Ihre Grammatik zu Hause. Sprechen sie so wie sie es gewohnt sind.
3.) Wichtig ist, dass sie jedes Wort was sie sprechen wollen schon vorher aufschreiben, und das dann ganz genau, aber ganz genau, ablesen. Sie kommen den Bürgerradiopionieren am nächsten, wenn sie eine Woche vor der Sendung noch gar nicht lesen können.
4.) Verlassen Sie den Main-stream. Normale Musik hört man den ganzen Tag, wir im BR wollen Country, Schlager und Oldies. (Man sollte sich nicht nehmen lassen, die englischen Titel immer anzusagen, auch wenn man dieser Sprache überhaupt nicht mächtig ist).
5.) Halten sie immer ein Kochrezept bereit. Kennen sie was tolleres als im Stau zu stehen und sich anzuhören wie man Putenbrust würfelt?
So, das wäre erst einmal das Wichtigste. Viel Glück, und vielleicht werden Sie ja entdeckt.