Literatur

DAMENWAHL

von Margret Holota - Buchhandlung Akzente -

Frau Evertz, die sonst an dieser Stelle schreibt, liest im Moment bevorzugt männliche Autoren, deren Bücher dann am 13.04.2000 Gegenstand der Diskussion im Hammer Literarischen Quintett sein werden.

Wohlan denn - ich hatte in der letzten Woche sehr großes Vergnügen an dem Roman von M. Lawrence "Bevor das Eis bricht", erschienen im Fretz & Wasmuth Verlag. Die Autorin schrieb bisher für Film und Theater und ihr erster Roman wurde für den Edgar-Allen-Poe-Preis nominiert. Diese Nominierung kann ich nicht wirklich nachvollziehen, da ich das Buch eher in die Kategorie "Historischer Roman" denn in das Krimigenre einordnen würde.

Die Story ist kurz nach dem Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges - 1786 - angesiedelt. Im Mittelpunkt steht die Hebamme und Heilkundige Hannah Trevor, deren Mann als vermisst galt und zu Beginn der Geschichte für tot erklärt wird. Glücklicherweise, wie Hannah Trevor meint, denn nun ist sie frei und kann diesen Mann ruhigen Gewissens und in einer gesellschaftlich anerkannten Weise aus ihrem Herzen und Bewußtsein streichen. Da hat eh' schon ein anderer den ersten Platz: Daniel Josselyn, englischer Adeliger, der während des Krieges die Fronten wechselte und sich in Rufford am Flussufer niedergelassen hat. Hannah und er hatten vor Jahren eine Affäre, aus der eine Tochter hervorging, die bei Hannah lebt. Aber auch Daniel ist nicht frei; seine Frau ist seit der Geburt eines Sohnes, der nicht überlebte, an den Rollstuhl gefesselt.

Und dann geschieht am Ende des Winters in dem beschaulichen Städtchen ein Mord, der zunächst nur Hannahs medizinisches Wissen fordert, dann aber ihre Liebe zu Daniel Josselyn auf eine harte Probe stellt. Eine junge Frau wird ermordet und in ihrer Küche wird eine Nachricht gefunden, in der Daniel und zwei weitere angesehene Mitbürger der Vergewaltigung und des Mordes an dieser Frau beschuldigt werden. Als zwei weitere Menschen einen gewaltsamen Tod finden und sich der Zorn der Bevölkerung in Lynchjustiz entladen will, flieht Daniel in die Berge. Hannah Trevor glaubt jedoch an die Unschuld ihres Geliebten und setzt alles daran, die Schreckenstaten aufzuklären. Sie folgt dem Flüchtenden in die Wildnis und nachdem sie ihn gefunden hat, offenbart Daniel ihr endlich das Geheimnis, das die Katastrophe in Rufford ausgelöst hat. Sehr beeindruckend fand ich die Passagen, in denen die Autorin deutlich macht, wie in Kriegszeiten moralische Werte negiert werden und jegliche zivilisatorische Errungenschaften verloren gehen. Sie prangert deutlich den amerikanischen Patriotismus an und verdeutlicht die Idiotie des militärischen Gehorsams. Margaret Lawrence schildert in der Hebamme Hannah Trevor eine mutige, intelligente und selbstbewußte Frau, die vorrangig durch ihr spezielles heilkundliches Wissen eine gewisse Freiheit von den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit erlangen kann und somit auch ein Stück Selbstverwirklichung erreicht.

Lawrence, Margaret: Bevor das Eis bricht; Fretz & Wasmuth 2000; DM 39,90