Rückblick

Karneval der Wahnsinnigen

"Heute schütte ich mich zu, denn ich hab ja allen Grund dazu....", KARL DALL interpretiert diesen Gassenhauer und Schenkelklopfer mit einer Glaubhaftigkeit, dass es mir Angst und Bange wird. Jedoch brachte mir diese Liedzeile, obgleich trügerisch, die Freuden des Feierabends mit Wochenendanfang am Freitagmorgen in greifbare Nähe.

Die Zeit des Wartens auf einen der Höhepunkte im Jahreszyklus des Jugendzentrums in der Südstraße wurde mir nur durch den Gedanken an dieses Lied allein um 234% verkürzt.

Pünktlich um viertel vor Acht stehe ich nun am Tresen des Jugendzentrums. Das Silbergeld in meiner Hand begann vor Vorfreude zu schwimmen. "Ein Pils!", nicht laut, aber sehr bestimmend schleuderte ich dem Thekenpersonal meinen Wunsch entgegen. Nach einigen Augenblicken erreichte mich das Kaltgetränk. Schnell austrinken, bevor’s warm wird.

Genau dieses hat ER wohl auch so gemacht. Und das wahrscheinlich gleich mehrmals. "ER?, wieso auf einmal ER?" werdet Ihr euch fragen.

ER, ist der ca. 187cm große Trunkenbold, der sich auf der Toilette des Jugendzentrums gerade mit Toilettenpapier einwickelte und mit einem heftigen Urschrei sein Innerstes vor mir offenbarte.

Zutiefst betroffen wandte ich mich ab, um meine Visite weiterzuführen. Es sollte ja auch noch Musik gemacht werden an diesem 3. März. Die Obernarren der Stadt, die GURKENDIEBE, gerade im Begriff aus einer mittelschweren Versenkung aufzutauchen, wollten zusammen mit SPOP (dazu später weniger) die Puppen tanzen lassen. Doch es dauerte lange... Ich schaute mich nochmals um, damit ich auch sicher sein konnte, nicht im HoppeGarden gelandet zu sein. Was war der Grund für diese scheinbar grundlose Verspätung?

Dem scheidendem Gitarristen Andrew AIRnst war auf dem Weg ins JZ die Gitarre zwischen die Speichen gekommen, woraufhin diese in ca. 500 Stücke zerbarst. Ersatz ist schnell gefunden, sollte man meinen. Aber nichts tat sich, bis schließlich Ausnahme-Aushelfer Jörg Mücke sich bereit erklärte, sein altes Stück von der Wand zu nehmen und aus Werries einfliegen zu lassen. Nun ist der Luftraum über unserer Stadt nicht der ruhigste, und sodauerte es eine halbe Ewigkeit. Endlich kam die Klampfe an, es stellte sich jedoch heraus, das Andrew AIRnst noch nie eine andere Gitarre außer seiner eigenen in Händen gehalten hat, so dass noch ein bisschen modifiziert werden musste. Nichtsdestotrotz verschaffte man anschließend Andrew AIRnst einen Ausstand der seiner würdig war.

Mit nie gekannter Lässigkeit präsentierten die Gurkendiebe das komplette Liedgut ohne großartige Verspieler und Ausfälle. Komischerweise sah man die Band vor dem Gig nur geschlossen mit Viatmalz herumirren, aber da einen Zusammenhang zu sehen halte ich für an den Haaren herbeigezogen. Die Stimmung unter den anwesenden Zuhörern war prächtig, die Polonäse zu SAMBAOLEG war so lang wie lange nicht mehr und bei GRAN CANARIA brannte der Baum.

Dann nahm Marcus W. Essel MAN die Gitarre des Jörg Mücke in die Hand........nichts ging mehr. Nervös wie ein Junkie vorm goldenem Schuss nestelte er an den vielen Strippen und Knöppen. Nach einer kurzen Unterbrechung und der Zuhilfeeilung des Besitzers konnte dann endlich das neue Lied vorgetragen werden.

Ich weiß nicht ob es nur mir so ging, aber für mich war es weder Fleisch noch Fisch, eher was für Veganer. Ich werde es ja wohl öfter hören, dann dazu mehr. Die geforderte Zugabe kam nicht, der Zeitplan war zu eng.

In der Umbaupause wurde das beste Kostüm prämiert, ich war gerade ganz woanders, aber wer auch immer gewonnen haben mag, Herzlichen Glückwunsch. Vielleicht hat ja auch mein persönlicher Favorit das Rennen gemacht.

Nach der Verleihung wurde ordentlich abgeSPOPt. Verkleidet als Weißnichtwas begannen SPOP mit ihrem rockigen Pop, oder wie auch immer sie Ihren Stil nennen. Mir gefiel es allerdings nicht besonders, und ich sag es auch jetzt nicht durch die Blume: Mir gefiel es nicht. Wobei das durchaus nicht grundsätzlich zu sehen ist, aber an diesem Abend in dieser Halle....

Ich denke, dass bald einige Konzerte in unserem Raum kommen werden, oder zumindest mal `ne Homepage. Doch bis dahin möchte ich mich zu dieser Band nicht näher äußern. Tschüs, A.P.a.M.

Mythos - Wirklichkeit und eine gebündelte Dosis Nostalgie

Das wird bestimmt eine interessante Sache, dachte ich, als mir bereits vor Wochen ein Plakat zu dieser Ausstellung im Gustav-Lübcke-Museum vor die Optik kam:

Linda Mc Cartney - die 60er Jahre - Porträt einer Ära.

So begab ich mich also am Morgen des 12. März voller Neugier und Erwartung ins Museum, um mit den bereits anwesenden ca. 120 Personen der Eröffnung dieser Ausstellung beizuwohnen. Diese Ausstellung wird übrigens ergänzt durch die Zusatzausstellung: Jugend-Protest-Kultur - Dokumente des 68er Protestes, welche die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse Ende der 60er dokumentieren soll.

In ihrer Eröffnungsrede führte die Museumsdirektorin Frau Dr. Ellen Schwintzer aus, dass die Zahl 68 diese Zeit symbolhaft repräsentiere und an verschiedene Inhalte erinnern soll, wie z.B. Die Kommune 1, Rudi Dutschke, die APO, den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze, den Minirock, die Antibabypille und andere Protestinsignien.

Die Ausstellung sei eine direkte Anknüpfung an die Ausstellung "Care, Käfer, Cola", welche vor fünf Jahren im Gustav-Lübcke-Museum die Zeit des Wirtschaftswunders beleuchtete.

Die Fotos von Linda Mc Cartney, so Frau Dr. Schwintzer, seien als Dokumente zur Entstehung der damaligen Popmusik zu sehen, bezugnehmend auf die persönliche Sichtweise jener Stars der damaligen Zeit wie z.B. Jimi Hendrix, Beatles, Cream, Frank Zappa, Doors, Rolling Stones, Bob Dylan, um nur einige zu nennen.

Die Ausstellung von Linda Mc Cartney zeigt etwa 100 Fotos, überwiegend in schwarz/weiß. Erstellt von Linda selbst, von den Original-Negativen. Auch einige Foto-Experimente sind zu betrachten, wie die blauen "Sunprints", bei denen Kontaktabzüge mit einer Lösung fixiert werden, welche direkt mit dem Pinsel auf das Fotopapier aufgetragen wird. Einige Arbeiten aus den 90er Jahren sind: "Road Works", Sunday Best" oder West Indies", teilweise aus dem fahrenden Auto aufgenommen.

Die Wanderausstellung "Jugend-Protest-Kultur präsentiert solche Kleinode wie z.B. alte Plattencover, Plakate, und ein Pokal vom einem Beatfestival. Der gute alte Parka, oder die Milchkanne, zur Haschischpfeife umfunktioniert, sowie ein zerwühltes Bett nebst "Jaffa" - Möbeln sollen die alltäglichen Lebensformen der Konsum verweigernden Jugend symbolisieren.

Die Ausstellung könnte sicher ein wenig ausführlicher sein, aber sie vermag bestimmt bei einigen Zeitgenossen jener Epoche hellwache Erinnerungen hervorzurufen und ist hilfreich dabei zu verdeutlichen, wie "Love, Peace, Protest & Flower-Power den Weg in eine neue Zeit geebnet haben.

Wie sagte einst Frank Zappa: "There will come a time when you can even take your clothes off when you dance".Wer weiß...? Peace & Love. Bertl

PS. Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Mai zu sehen.

Ein "Country Boy" in der Kulturwerkstatt

ALBERT LEE & HOGAN´s HEROES

Rappelvoller HoppeGarden - Super Stimmung

Er ist noch kein Mitglied der "Grand ole Opry" in Nashville /Tennessee, der Hochburg der Country-Music, trotzdem ist er einer der besten Country-Rock-Gitarristen der Welt. Die Rede ist von Albert Lee, dem kleinen grauhaarigen Engländer, der seit einigen Jahren in Californien zu Hause ist. Und der war am 18. März mit seiner Band HOGAN´S HEROES im HoppeGarden der Kulturwerkstatt zu Gast, und zudem war es der einzige Auftritt in Deutschland. Somit ist den Veranstaltern der Kulturwerkstatt einmal mehr ein absoluter Knüller gelungen, denn das Konzert mit Albert Lee war ein einzigartiges Erlebnis.

Der Kartenvorverkauf ließ bereits erahnen, dass der HoppeGarden an diesem Abend bis unters Dach gefüllt sein würde, denn der Rekord vom Randy-Hansen-Konzert vor ein paar Jahren wurde gebrochen.

Um kurz vor 22 Uhr wurden die etwa 260 Zuschauer im HoppeGarden so langsam heiß auf Live-Music, denn man vernahm vereinzelte "Albert-Rufe". Wahrscheinlich hörte man die in der Garderobe im Keller, denn Punkt 22.00 Uhr betraten Albert Lee & Hogan´s Heroes unter Applaus die Bühne und begannen mit einem Song von Little Feat "I´m Ready" ihre zweistündige Show. Gleich das erste Stück machte deutlich, was an diesem Abend zu erwarten war, nämlich sehr rockige Country-Music, haupt-sächlich aus der Feder berühmter Kollegen, mit denen Albert Lee in seiner beachtlichen Karriere schon zusammengearbeitet hatte. Aber auch wundervolle Balladen, wie "On The Boarderline" mit einem göttlichen Gitarrensolo, oder "Take you Time". Denn Albert Lee beherrscht nicht nur die rasendschnellen Country-Soli, sondern ebenso virtuos diese herrlich gefühlvollen Melodien, die den Zuhörer einfach dahinschmelzen lassen. Nun aber kam die Rock´n Roll-Abteilung wieder zum Zuge, und zwar mit "Restless", einem Song des leider kürzlich verstorbenen Carl Perkins und mit dem legendären "Tiger Rag" einem Instrumental, bei dem Albert Lee alle Register ziehen konnte. Wenn man diesem Mann auf die Finger sieht, muß man ein gutes Sehvermögen besitzen, um verfolgen zu können, was er dort auf den Saiten tut. Ich für meinen Teil habe wieder einmal beschlossen, meine Gitarre doch besser in den Spind zu hängen. (Kein Kommentar . . . d. Red.) Und beim "Tiger Rag" bekam auch erstmals Gerry Hogan mit seiner Pedal Steel-Guitar die Möglichkeit, zu zeigen, dass auch er einer der Besten auf seinem Instrument ist. Bisher hatte er lediglich einen wohlig-warmen Teppich unter die Gitarre von Albert Lee gelegt, aber dass er zu weit mehr imstande ist, bewies er von nun an eindrucksvoll. Ja und dann dieser Pete Wingfield, mein Gott, was für ein Pianist. Er begann seinen Song ganz vorsichtig mit einer Ballade, sehr melodiös, sehr gefühlvoll, um sich nach und nach zu steigern um mit einem furiosen Rock´n Roll mit atemberaubender Geschwindigkeit dem Höhepunkt entgegenzutreiben. Sehr beeindruckend. Aber all diese Virtuosität wäre nicht möglich ohne Brian Hodgson am Bass und Peter Baron an den Drums, die durch ihr perfektes Zusammenspiel und dem fantastischen Background-Chor den Solisten die nötige Sicherheit verschafften. Nachdem sich Albert Lee am Piano mit ein-zwei Balladen auch noch den Ruf eines recht guten Pianisten und - eines hervorragenden Sängers - gesichert hatte, wurde das Publikum mit Höhepunkten der Country-Musik-Geschichte verwöhnt. "Cannon Ball" von Duane Eddy, "Evangelina" von Hoyt Axton, "The Highwayman" von J. Webb, "Country Boy" von Albert Lee und dem legendären "One Way Rider" von R. Crowell. Albert Lee and Hogan´s Heroes - echte Helden! (Hh.)

Übrigens wurde das Albert Lee-Konzert zum Anlass für eine Aktion genommen, die sich über ein bis eineinhalb Jahre erstrecken wird. Reinhard Potschinski, Inhaber des "Troubadour"-Musikladens, hat eine Gitarre gestiftet. Und zwar eine nagelneue "Yamaha Pacifica Telecaster" mit Tasche im Wert von ca. 700,- DM. Diese Gitarre wird in den nächsten Monaten von so manchen Top-Musikern, die in der Kulturwerkstatt gastieren, signiert werden. Albert Lee machte den Anfang. Am Ende dieser Aktion soll das Instrument, welches dann sicherlich einen Liebhaberwert besitzt, meistbietend verkauft oder versteigert werden. Mit dem Erlös wird im nächsten Jahr ein weiteres Top-Konzert in der Kulturwerkstatt unterstützt. Willi wird diese Aktion begleiten.

Möglich gemacht wurde das Albert-Lee-Konzert, dessen Kosten im "höheren Bereich" lagen, von der Fa. "Troubadour", von Juwelier Mahlberg, sowie den Musikern, die am 4. März im HoppeGarden zum Geburtstag eines Mitmusikers ohne Gage auftraten. Willi dankt allen recht herzlich und bittet: Weiter so . . !

Klezmer Chai -

Jiddische Musik zur Woche der Brüderlichkeit in Hamm

Angeblich gibt es da ein altes jüdisches Sprichwort, das besagt, dass jeder Rechtschaffene, wenn er eines Tages vor seinen Schöpfer tritt, sich rechtfertigen muss für jedes Vergnügen, das er sich ohne Grund hat entgehen lassen. Eine durchaus sympathische Kultur, die solche Regeln aufstellt.

Dann bliebe nur noch zu hoffen, dass das versammelte Komitee von Jahwe, Allah und christlichem Gott eines Tages die Organisatoren solcher Veranstaltungen zu sich beruft, um ihnen die Leviten, Suren und sonstwas zu lesen. Es hätte - kurz gesagt - viel mehr Spaß machen können und seinen Zweck trotzdem(??) besser erfüllen können.

Die Deutschen haben Probleme mit anderen Kulturen und deren Feste, ein besonderes Verhältnis zur jüdischen Kultur allemal und aus gutem Grund. Wir - alle! -haben eine besondere historische Verantwortung, auch wenn dies bei der manchmal zu registrierenden Überheblichkeit des modernen Staates Israel durch Irritationen überdeckt zu werden droht.

Der Auftritt der Leverkusener "Klezmer Chai" wurde als Abschluss einer Arbeitswoche angekündigt. Allerdings wirkte zumindest der äußere Rahmen der Veranstaltung so, als sei die (Bewältigungs-?)Arbeit noch nicht ganz abgeschlossen. Die Musiker wollten Spaß vermitteln, das Publikum wollte erkennbar Spaß und Vergnügen an der Musik (und damit wohl auch an einer anderen Kultur) ausleben - allein es durfte nicht.

Sinnvoll sicherlich, Informations- und Bildtafeln aufzustellen. Dem Geist einer solchen Veranstaltung wäre es aber allemal zuträglicher gewesen, hätte man einfach Raum zur Kommunikation und zum Gedankenaustausch gelassen. Im Zeitalter von Music-TV und Internet wirken unbequeme Stuhlreihen allemal museal und gequält. Warum, liebe Organisatoren, soll sich der normale Mensch, dem nicht ein kulturelles "Bewusstsein" Leidensfähigkeit ermöglicht, dies antun?

Ich selbst habe es mir angetan und habe es doch nicht ganz bereut. Hätte ich mir eher ein Art "Tanztee - Atmosphäre" gewünscht, mit Tischen und Getränken, so machte doch der unbeschreibliche Charme des von einem relativ jungen Septetts vorgetragenen Klezmer die gute Laune aus, die viele an diesem Abend ergriffen haben mag.

Die Verantwortlichen bei der VHS sind für dieses mal noch davon gekommen.

- Manfred Tippach -