Die Hand am Ohr

Geistiger Auswuchs eines Wahnsinnigen

Von André Schörnig

Zuerst dachte ich nur ich sei ausgebrannt. Mein Kopf sei leer, meine Finger unfähig auch nur einen gescheiteren Satz außer "Wasser bitte" in die Schreibmaschine zu tippen. Tot im Kopf, den Schriftstellertot gestorben. Freund Hein war gekommen und hat zunächst nur meine künstlerische Ader gekappt, meine Reime zermust. Genauso gut hätte er mich ganz holen können.

‚Wann kommt Tot im schwarzen Kleide, wann kommt Tot und tötet mich.....?’ fragte ich mich fortwährend, eines meiner alten Gedichte zitierend und immer noch teilnahmslos auf die weiße leere Fläche starrend und Chips in mich reinschaufelnd.

So ein Glück, dachte ich und es viel mir wie Schuppen von den Augen, ich esse Chips und deshalb ist das Blatt noch jungfräulich. Einem ungeschriebenen Gesetz meines Arbeitszimmers zufolge darf nur derjenige an meiner Schreibmaschine schreiben, der Ich ist und keine fettigen Finger hat. Sofort warf ich die halb leere Tüte aus dem Fenster. Eine gierige Gruppe Ratten schien nur darauf gewartet zu haben. Ich wischte mir den Schweiß aus der Stirn, Schweiß mit Paprikastücken, ich hatte mir beim aufs Blatt starren einige Chips an meinen Schläfen zerrieben. Ich blickte zur Uhr. Viertel nach neun, ich musste Stunden so verbracht haben. Nein, plötzlich kam der Kalender in meinen Blick. 12.04.2000 stand da in großen Leuchtbuchstaben. Ich hatte genau drei Tage hier gesessen und überlegt was ich wohl schreiben solle. Langsam und Unheil ahnend drehte ich mich um. Genau wie ich vermutete, ein ca. 1m großer Berg Chipstüten lag hinter mir.

"Es waren nur die Chips!" schrie ich erleichtert aus. Ich zitterte, obwohl es warm war, so ca. 54° schätze ich.

Fragen wie ‚Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?’ rasten durch meinen Kopf. Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Sinn allen Seins. Ich wusste ich muss schreiben. Schreiben wie ich noch nie in meinem Leben geschrieben habe. Musste mir nur den Wahnsinn und den Irr aus der Seele dichten und alles würde gut. Ich wusste das, und die verdammte Welt da draußen wusste das auch.

Plötzlich stellte ich irritiert fest, dass ich überhaupt gar keine leiseste Spur einer möglicherweise zur Idee auszuarbeitenden Ahnung in meinem Kopf hatte. Ich bekam Panik, suchte Fett an meinem Fingern, doch sie waren nach wie vor sauber abgeleckt und lediglich unter den Nägeln etwas geschwärzt. Kein Fettgericht der Welt würde mich damit freisprechen. Ich kam nicht umhin, es mir einzugestehen, ich war ausgebrannt, leer, innerlich ausgehöhlt von einem Buchstaben saugenden, Satz gierigen und Vers raubenden Monster.

Ich kicherte wild, und rieb meine Schläfen bis sich meine beiden Mittelfinger in der Kopfmitte hinter den Augen trafen. Ich blickte mich um, sehnsüchtige Hoffnung nach

einer dahergelaufenen Vorstadt-Muse, die sich nicht zu schade war einen Provinzbuchstabenkacker wie mich mit Ihrer nassen Zunge abzuschlecken. Doch nichts, nichts als diese ekligen Ratten. Ratten überall.

Ich begriff nichts mehr. Wie konnte mir das passiert sein? Mir, dem größten Dichter meines Dorfes. Immer flossen die Verse nur so aus meinen Fingern. Ständig fielen mir Gedichte ein, immer wusste ich genau mit welchen Worten ich die Welt, Euch, aufrütteln musste.

Ich erinnerte mich an meine glorreiche Zeit, als mir die Lokalzeitungen meine Zeilen nur so aus den Händen rissen. Ich erinnerte mich an Gedichte wie "Himmelschlösser" und "Einfach ich" oder "Tod einer Friedhofsanlage". Tränen strömten jetzt wie kleine Bächlein von meinen Wangen. Ich versuchte verzweifelt das A auf meiner Schreibmaschine zu finden, doch alles was ich herausbrachte waren D’s, viele tausende D’s, ich konnte nur mühsam für Papiernachschub sorgen. Irgendwann viel ich in einen nervösen Schlaf. Ich träumte....sah mein D-Gedicht: DDDddDDdDddd ddddDdDDdDDddddDD------, daneben ein altes, ehrwürdiges Gedicht von mir: ...jede Zuppe neu verpaffen in geistloser Psychiatrie....

Eine körperlose Stimme sprach zu mir: "Viel übler als die alten Dinger ist das D-Gedicht auch nicht". Und ich bemerkte erschrocken aber auch erleichtert wie recht die Stimme hatte. Danke.