Der friedvolle Krieger
Von André Schörnig
"So eine Scheiße, so eine elende Sauscheiße, kehr..." Ich rief so laut ich konnte, stampfte mit den Füßen auf, zog mir büschelweise Haare heraus bis meine Kopfhaut blutete. Ich bekam den Ballon einfach nicht aufgepustet.
Menschen um mich herum hielten inne, Autos stoppten, die Fahrer kurbelten die Scheibe herunter und sahen mich offenen Mundes an. Weinend legte ich mich auf die Wiese, krümmte mich in Embryonalstellung zusammen und wimmerte, bis schließlich ein Umstehender zu mir kam und das altbekannte Sprichwort sagte das wohl jeder von uns kennt, und das an diesem Tage mein Leben veränderte: "Der Spinner braucht Zen!"
Ja, ich war ein Spinner, ein kompletter Idiot, wäre ich immer noch auf diesem naiven, niedrigen Niveau wie damals würde ich Worte wie Rattenarsch oder Sackgesicht benutzen, um mich zu beschreiben. Doch mit einem Mal änderte sich alles, ich sprang auf, der festen Überzeugung noch am selben Tage das Zen zu finden.
Wie dumm ich doch war, hatte ich doch keine Ahnung, dass unsere hektische, von der rechten Hirnhemisphäre dominierte westliche, mcdonaldisierte Gesellschaft so etwas wie Zen gar nicht kennt, ja nicht einmal weiß, dass es so etwas gibt, oder dass es bei Mathearbeiten Wunder wirken kann. Mein Entschluss stand fest, ich musste nach Fernost, ich musste nach Japan, noch am selben Tag! Meine Frau guckte zwar etwas dumm, als ich ihr mein Ticket unter die Nase hielt, doch ich merkte gleich, dass eine friedvolle Diskussion fehl am Platze wäre. Sie war ebenfalls eine dieser kapitalistischen, konsumgierigen, deutschen verlorenen Seelen, und so begnügte ich mich damit, sie mit einer noch ziemlich Laienhaften, aber wirkungsvollen Asia-bondage an die Heizung zu fesseln, was mich auch selber schon positiv auf meinen Fernostaufenthalt einstimmte.
Während des Fluges meditierte ich fortwährend, um meine Kräfte zu sammeln und sie im Fokus meines Seins zu bündeln. Ich hatte einige Probleme, in den Lotus-Sitz - bei dem es notwendig ist, dass man den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel legt und umgekehrt - zu gelangen, doch nachdem eine Stewardess und beide Piloten so freundlich waren mir dabei zu helfen, hatte ich die perfekte Voraussetzung für eine tiefe Entspannung. Leider konnte ich meinen Geist nicht wie gewünscht befreien, da ich immer an diesen Witz mit der Nonne und dem Schaf denken musste, doch auch das war sehr amüsant.
In Japan machte ich mich sofort auf die Suche nach einem Meister. Ich hörte, dass man das Zen besonders gut durch eine Sportart erreichen konnte, und so forschte ich zunächst in jeder Kneipe, da mir etwas wie Tischfußball oder Billard vorschwebte. Der Flug war recht teuer, deswegen hoffte ich, nach meiner Rückkehr nach Deutschland, die ein oder andere Mark damit machen zu können. Doch alles Suchen war vergeblich, ich versuchte es weiter, überall und überall. Schwertkampf. Bogenschießen. Yoga. Immer dieselbe Antwort: Keine kapitalistischen, konsumgierigen, deutschen, amerikanischen oder englischen verlorenen Seelen, Italiener nur mit gültigem Visum.
Fast schon gänzlich den Mut verloren kauerte ich mich hinter die Tanksäule eines Rikschadienstes. Hier würde mich sicher keiner finden. Eine alte, zerbrochene Keramiktoilettenschüssel erinnerte mich an den Lotussitz. Konnte ich es schaffen? Würde ich das Zen allein erreichen können? Ich klaute mir ein Brecheisen und bog meine Füße unter starken Schmerzen und unter ohrenbetäubendem Knacken in die richtige Meditationsstellung. So meditierte ich eine Woche und einen Tag, bis ich Ihn plötzlich sah; Buddah erschien mir, lächelnd, mit Ring im Ohr, und er sagte: "Vergiss es, Idiot!" - Es war wunderbar.
Sollten Sie jemals nach Japan kommen, und dort eine Rikschastation mit eigener Tanksäule sehen, dann denken sie an mich und winken mir mal, ich komme schließlich aus dem scheiß Lotussitz nicht mehr raus.