Literatur

DAMENWAHL

von Elisabeth Evertz - Buchhandlung Akzente -

Ferienzeit ist Lesezeit, das heißt bei den meisten Leser-Innen "Krimizeit". Im letzten Sommer haben wir alle Reisenden mit Henning Mankell ausgestattet - in diesem Jahr empfehle ich Karin Fossum. Auch dies ist eine der vielen skandinavischen AutorInnen, die ja seit circa zwei Jahren unaufhaltsam auf dem Vormarsch sind.

Frisch als Taschenbuch ist von dieser norwegischen Autorin der Krimi "Fremde Blicke" erschienen. Die Geschichte spielt in einem Dorf, wo jeder Jeden kennt bzw. zu kennen meint. Fossums Lieblingsthema ist das Widerlegen von Vorurteilen und das ad-absurdum Führen des vermeintlichen Wissens über Nachbarn, Bekannte und Außenseiter. Ein junges Mädchen wird tot aufgefunden und schnell wird der Sonderling des Dorfes zum Täter abgestempelt. In Gesprächen mit dem schwer durchschaubaren Bewohnern des Dorfes gelingt es dem Kommissaren Konrad Sejer, eine andere Sicht auf das Leben der Gemeinschaft und auf das Leben der toten Annie zu gewinnen, als das Offensichtliche, was ihm zunächst von Eltern und Freunden vermittelt wird. Die Geschichte lebt vom psychologischen Blick der Autorin einerseits und vom besonnenen Zuhören Konrad Sejers andererseits und bleibt bis zum Schluss offen für die interessierten LeserInnen, die sich durch die Abgründe der sogenannten "Normalität" führen lassen.

In gebundener Form liegt von Karin Fossum der Krimi "Wer hat Angst vorm bösen Wolf" vor. Im Mittelpunkt steht bei der Auflösung eines Mordes an einer alleinstehenden älteren Frau der schizophrene Errki, der aus einer Klinik geflohen ist. Er hört Stimmen und ist allen Dorfbewohnern immer schon unheimlich gewesen. Konrad Sejers Aufgabe besteht in erster Linie darin, ihn und einen flüchtigen Bankräuber zu finden. In Gesprächen mit Menschen, die Kontakt zu Errki hatten, versucht Sejer einen Zugang zu diesem Menschen zu finden, der so ganz anders zu funktionieren scheint, als andere Menschen. Wir Lesenden lernen Errki auch unmittelbar durch die außergewöhnlich gute Beschreibung seiner Innenwelt durch die Erzählerin kennen und nehmen an seiner Entwicklung teil, die stattfinden kann und stattfinden muss, da er in eine extremen Ausnahmesituation geraten ist, in der er zum Handeln und Entscheiden gezwungen ist.

Es sind nicht die überaus klug gestrickten Handlungen mit den überraschenden Wendungen allein, die die Krimis von Karin Fossum zu einem besonderen Lesevergnügen machen. Es sind vielmehr die außergewöhnlichen Charaktere und ihre behutsame und kenntnisreiche Schilderung der Innenwelten dieser Außenseiter, die das scheinbar Normale fragwürdig erscheinen lassen, die diese Krimis hervorragen lässt aus der großen Fülle des Angebots. Und es ist die Bekanntschaft mit dem äußerst liebenswerten Kommissar Konrad Sejer - seit Jahren verwitwet, menschenscheu und verunsichert, wenn sich Gefühle bei ihm regen - die neugierig machen, auf weitere Bücher dieser norwegischen Autorin (Jahrgang 1954). Unbedingt empfehlenswert für alle Leseratten, die nicht viel Krimihandlung brauchen, um sich fesseln und gut unterhalten zu lassen.

Karin Fossum: Fremde Blicke. Serie Piper, DM 16,90

Wer hat Angst vorm bösen Wolf. Piper, DM 38,00