Es wird in diesem Monat ein neues Buch von Marianne Fredriksson mit dem Titel "Inge und Mira" erscheinen. Viele LeserInnen wissen mehr über die Bücher dieser schwedischen Autorin, die mit "Hannas Töchter" eine rekordverdächtige Auflage erzielte, denn ich habe bisher noch keines ihrer vier ins deutsche übersetzten Bücher gelesen. Und nun wurde vom Verlag das Buch "Inge und Mira" angekündigt, die Geschichte zweier fast fünfzigjährigen Frauen, die sich eines Tages über den Weg laufen und Einfluss auf die Vergangenheit der jeweils anderen haben wer-den.
"Inge und Mira" ist ein Roman über die Freundschaft zweier reifer Frauen, beide geschieden und allein lebend, beide mit erwachsenen Kindern und es ist ein Roman über das Erinnern und seine Auswirkung. Das Kennenlernen und sich Näherkommen hat viel mit dem Erzählen von Vergan-genem zu tun und somit mit dem Eindringen in die Vergangenheit eines anderen Menschen, was sehr schmerzhaft sein kann, Verdrängtes ans Tageslicht befördern kann, alte Wunden aufreißen kann und das jetzige Leben in Frage stellen kann.
Die auf den ersten Blick recht ähnlichen Frauen - eine Lehrerin und eine Erzieherin mit gemein-samer Lust am Gärtnern, die sich in einem Gewächshaus begegnen, haben völlig unterschiedli-che Hintergründe und Erfahrungen, deren Bedeutung erst allmählich sichtbar wird.
Inge, die eher rationale und pragmatische Schwedin, die ihren Alkoholiker-Exmann immer noch zu lieben glaubt, stößt mit ihrer offenen und interessierten Art an manche Grenze bei Mira, der eher zurückhaltenden und vorsichtigen Chilenin, die vor fünfzehn Jahren mit ihrer Familie aus Chile fliehen konnte, nachdem sie in die Terrormaschinerie Pinochets geraten war. In ihren Ge-sprächen, in denen vieles nicht ausgesprochen wird, Verstehen nur durch Ahnung und Gefühl möglich zu sein scheint, haben wir Teil an Miras Kampf, der Vergangenheit und Erinnerung von Vergewaltigung, Folter und Tod zu entkommen.
Alle Frauen in diesem Buch, wir lernen auch noch die Chilenin Matilda kennen, müssen im Laufe des Sommers erfahren, dass die Vergangenheit nur dann eine Chance hat, ein Ende zu finden, wenn sie ausgesprochen, angeschaut und angenommen wird. Schmerzhafte Erinnerungspro-zesse treten ein, Verzweiflung, Schuldgefühle und Scham treten auf - und der Hoffnungslosigkeit trotzen kann nur die Freundschaft und die Liebe der jungen Leute, an deren Leben wir LeserIn-nen glücklicherweise auch teilnehmen dürfen. Denn alle Figuren, die in Fredrikssons Roman auftauchen, sind mit ihrer Hilflosigkeit, Trauer und Weisheit, mit ihrem Humor und ihrer Liebe Figuren, die lebendig sind und uns nahe kommen. Fredriksson erzählt uns weniger eine Ge-schichte als dass sie uns an den Gesprächen und dem Geschehen teilhaben lässt. Es ist zu merken, dass sie von ihren Figuren berührt ist und dadurch gelingt es ihr auch, uns zu berühren.
Ein kluges Buch voller Wärme und ganz weit weg von Kitsch. Ein gutes Buch. Fredriksson hat auf jeden Fall schon mal eine neue Leserin: jetzt mache ich mich endlich an "Hannas Töchter" und hoffe doch sehr, dass auch das ein Buch für mich ist.
Marianne Fredriksson: Inge und Mira, Krüger-Verlag, DM 39,80