Psycho-Beratung
Mein Mann hält sich für einen Wunderheiler!
Eine psychologische Leserberattung von Dipl.-Psychol. Dr. Sonja-Renate Rüpelhof-Lammkoether
Liebe Frau Soja-Renntante,
Ich bin 45 Jahre alt, seit 20 Jahren mit meinem Mann eigentlich ganz glücklich verheiratet und unsere drei Kinder sind wohl geraten. Wir haben ein hübsches Reihenhäuschen und mein Ge-mahl, er heißt Heinrich, hat einen sicheren Job beim Grünflächenamt, er hält die Parks sauber. Eigentlich könnte ich ganz zufrieden sein, wenn da nicht die Macke meines Gatten wäre. Er hatte nämlich vor einigen Monaten bei Hans Meiser diese Sektenführerin mit den heilenden Händen gesehen, Uriella heißt sie, glaube ich. Seitdem ist er völlig auf dem Geistheiler-Trip. Er glaubt, auch er habe heilende Hände. Nun wäre das Ganze ja nicht so tragisch, wenn er nur mir mit seiner Spinnerei auf den Keks gehen würde, ein Hobby hat schließlich fast jeder Mann. Und nicht jede Frau kann sich mit den Vorlieben ihres Gatten anfreunden. Aber mein Heinrich hat sich in unserem Haus ein Zimmer eingerichtet, indem er seine "Sitzungen"F abhält, zuerst nur für Freunde und Verwandte, jetzt allerdings auch für wildfremde Menschen. Sie rennen ihm, bzw. uns, zu Scharen die Bude ein, bringen unser ganzes Familienleben durcheinander und lassen sich von Heinrich begrapschen. Er nennt das natürlich "Handauflegen und durch geistige Ener-gie heilen". So ein Blödsinn. Er veranstaltet auch so allerlei Hokuspokus während seiner Sitzun-gen. Das Zimmer ist mit violetten Samttapeten tapeziert, die Decke ist mit schwarzen Tüchern abgehängt, überall verbreiten Räucherstäbchen einen übelriechenden, süßlichen Geruch und außer schwarzen Kerzen gibt es keine Lichtquelle im Raum. Seine Klienten, so nennt er die leichtgläubigen Spinner, kommen mit allerlei Beschwerden und Wehwehchen zu ihm, um sich von ihm heilen zu lassen. Er nennt sich übrigens jetzt Henrico Meyeer, mit Betonung auf dem "eer".
Kürzlich habe ich ihn einmal heimlich beobachten können, denn das Tuch, mit dem er immer das Schlüsselloch abhängt, war verrutscht, da habe ich das erste Mal gesehen, was er so treibt. Nachdem ich die Klientin, fast immer sind es Frauen in den mittleren Jahren, empfangen und sie bei dem großen Henrico angemeldet habe, schloss sich wie immer die Tür hinter ihr.
Sie hat sich dann, nachdem Heini ihr mit bedeutungsschwangerer Stimme den Befehl dazu gab, auf eine Couch gelegt und ihm ihre Beschwerden mitgeteilt. Sie würde von ihrem Ehemann vernachlässigt und das hätte zur Folge, dass sie unter schwersten Schlafstörungen leide. Ihr Gatte habe eine Geliebte und komme oft erst sehr spät von seinem Schäferstündchen ins heimi-sche Schlafgemach zurück.
Diese dumme Kuh, wenn mein Mann mich fast jede Nacht durch verspätete Heimkunft wecken würde, hätte ich auch Schlafstörungen. Ich allerdings würde diese heilen, indem ich ihm das Nudelholz überziehe. Und die alte Henne geht zu einem Geistheiler, der ihr auch noch zweihun-dert Märker aus der Tasche zieht. Und was tut er dafür? Er legte ihr seine schwielige Hand auf die Stirn und murmelte unverständliches Zeug. Dabei sondern seine Hände, wenn er aufgeregt ist, immer so ein schmieriges Sekret ab, man nennt es Schweiß. Das verreibt er dann, als wäre es ein geheimnisvolles heilendes Öl. Und wenn eine der Damen zum Beispiel über Schmerzen in der Brust klagt, dann verreibt er seinen Saft eben auf den Brüsten der Damen. Dabei wird er noch viel aufgeregter, sondert noch viel mehr Schweiß ab und seine Klientinnen werten das als besondere Wertschätzung. Das ist also sein ganzes Geheimnis, er hat Schweißhände. Nun ist ja eigentlich nichts dagegen zu sagen, wenn man mit einem körperlichen Gebrechen in der Lage ist zwei bis dreitausend Mark in der Woche zu verdienen. Wenn man allerdings im Knast landet, ist das schon schlechter. Nicht, dass er mit seinen windigen Machenschaften aufgekippt wäre, das nicht. Aber er heilt auch, wenn er nicht darum gebeten wurde. Beispiel: Wir gingen in der Fußgängerzone spazieren, mit den Kindern. Vor uns bummelte eine junge Frau. Mein Gatte starrte ihr auf den Hintern, so dass es mir schon richtig peinlich wurde. "Kuck doch nicht so da-hin," fauchte ich ihn an. "Das ist rein beruflich", meinte Heinrich, "ich empfange ein Signal, die Dame hat chronische Blähungen". Sprach´s, und legte ihr seine Hand auf das Gesäß. Sie schnellte herum und knallte ihm eine, aber er ließ sich nicht beirren und beließ seine Hand auf der Klientin. Dann kam die Polizei...!
Und nun, liebe Frau Sonja-Renate, frage ich Sie, was soll ich tun? Ich habe die zwei bis dreitau-send Mark in der Woche fest eingeplant. Heinrich hat, wegen sexueller Belästigung in vierzehn Fällen ein halbes Jahr bekommen. Wovon soll ich jetzt leben?
Gertrud Meier, Bockum-Hövel.
Liebe Trude,
alle diese Geistheiler schreiben irgendwann einmal ein Buch. Damit machen sie dann noch mehr Kohle. Wenn also Ihr Heinrich vierzehn mal sexuell belästigt hat, können Sie doch anstatt seiner, ein Buch mit mindestens vierzehn Kapiteln schreiben.
Denn jede Belästigung hat schließlich ihre eigene Geschichte. Außerdem gibt es im Gefängnis sicherlich allerlei geistzuheilen, und wenn Ihr Gatte dort genauso zu arbeiten pflegt wie in der Fußgängerzone, wird er mit einer Unzahl von körperlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen ha-ben. Sie könnten also auch noch ein medizinisches Fachbuch schreiben. Ich hoffe Ihnen gehol-fen zu haben.
Herzlichst, Ihre Reni.