Ein ganz normaler Nachmittag
von Jürgen Halbe
Fünfzehn Uhr. Die beste Zeit, im Privatfernsehen eine der Massen-Talkshows zu sehen, die sich eigentlich alle gleichen und in denen nichts passiert. Ausser vielleicht, dass sich ganz normale Mitmenschen über ganz normale Alltagsprobleme in sehr sachlicher, fairer und nüchterner Weise unterhalten. Schliesslich hat jeder seinen eigenen Weg, das Leben zu bestehen.
Und obwohl ich natürlich in der Öffentlichkeit und im Freundeskreis vehement abstreite, solche Sendungen zu sehen - wo käme ich da schliesslich hin, was würde man von mir denken, der ich Hemingway und Enzensberger schätze und liebe (und lese!) - na ja, trotzdem also... Ich muss es ja nun auch nicht jedem erzählen. Jedenfalls: der Zeigefinger berührt die Fernbedienung, die Sendung hat bereits begonnen.
Noch ein rascher Blick in die Fernsehzeitschrift, um festzustellen, dass der Titel der heutigen Sendung "Wer mit wem" heisst. Aha, das kennt man, das klingt anspruchsvoll und verspricht andererseits wie üblich von ganz normalen Anliegen ganz normaler Menschen zu handeln.
Es geschieht zunächst auch nichts Aussergewöhnliches. Eine Frau Ende Dreissig erzählt, dass sie das zweite Mal verheiratet ist. Die Scheidung vom ersten Mann erfolgte, weil dem die Manneskraft schwand und er nicht mehr jeden Abend mit ihr schlafen wollte. Aber nun hat sie aus dieser ersten Ehe auch eine neunzehnjährige Tochter, die wiederum einen Freund hat, der so süss und so zärtlich ist und da sei es doch ganz normal, dass sie sich ab und zu, so etwa drei mal pro Woche, mit ihm trifft.
"Wir haben einen Überraschungsgast für Sie", ruft der Moderator Hans Greiser, nach dem übrigens die ganze Sendung benannt ist, und in diesem Moment öffnet sich wie von Geisterhand eine Tür und eine junge Frau kommt ins Bild. Sie läuft auf die Frau von Ende dreissig zu und ruft immer nur "Mutter, Mutter ich hasse Dich, wie konntest Du das tun?"
Es kommt, was zu erwarten war. Hans Greiser, ein betont sachlicher Mann, der stets in seinen Sendungen auf Anstand und Höflichkeit bedacht ist, stellt Tanja vor, die neunzehnjährige Tochter von Doris. Tanja weint und schluchzend spricht sie in Richtung der Kamera, die sie jetzt in Grossaufnahme zeigt:
"Mutti, ich liebe Sven doch so. Wie konntest Du mir das antun? Und wenn ich ab und zu mit Günter ... aber das ist doch nichts Schlimmes. Das tust Du doch auch?"
"Günter," fragt Greiser listig, dabei weiss er längst, dass Günter der zweite Mann von Doris ist, damit der Stiefvater von Tanja.
"Ich schlafe, mit wem ich will", sagt Doris, "ausserdem habe ich schon mit Männern geschlafen, als Du noch gar nicht geboren warst".
"Das glaube ich Dir, das sieht Dir ähnlich, Du alte Schlampe". Tanjas Worte gehen in Schluchzen unter.
Wie gesagt: nichts Aussergewöhnliches bisher. Auch als dann Günter und Sven als weitere Gäste erscheinen und Günter sagt, dass er ausser mit Tanja auch noch ab und zu mit deren Cousine Iris schlafe, aber zur Abwechslung auch schon mal mit seiner Schwiegermutter Anneliese, weil doch Doris eine so tolle Mutter hat, die man einfach liebhaben muss und auch, als Sven sagt, das sei unverschämt von Günter, schliesslich schlafe er mit Iris und Anneliese, wenngleich es ihm so richtig Spass eigentlich nur mit Petra mache, die wiederum die Schwester von
Günter ist und als Tanja sagt, dass sie regelmässig mit Walter und Hermann, den beiden Brüdern von Günter ins Bett geht und nun ihrerseits Doris eifersüchtig wird und zu weinen beginnt, weil sie selbst doch auch mit Walter und Hermann ...
Bis jetzt nichts aussergewöhnliches, wie gesagt. Auch die Beichte von Doris, dass
Georg, der Vater von Günter ihr immer gern Trost spendet, weil doch Günter so untreu ist und ausserdem impotent sei, bietet dem erfahrenen Talk-Show-Seher nichts Neues. Alles wie gehabt. Vor etwa einem Vierteljahr war es bei einer Show mit Britta Frigge auf dem Konkurrenzsender ganz ähnlich.
Allerdings überlege ich mir, ob ich mir nicht vielleicht Papier und Bleistift holen soll, um nachvollziehen zu können, wer denn nun mit wem.
Da platzt die Bombe.
So, als sei es abgestimmt, zeigt die Kamera Doris in Grossaufnahme, als sie in dem allgemeinen Durcheinanderreden und Durcheinanderklagen warum nun irgendwer irgendwem so untreu sein kann, plötzlich mit versteinertem Gesicht sagt: "Ich bin noch Jungfrau".
Im Publikum hebt ein erstauntes, aber auch anerkennendes Juchzen und Pfeifen an. "Wie das", fragt Gerhard Krautwurst Doris. "Wo Du doch mit all den Männern ..." "Na und", entgegnet Doris, "ich habe denen doch nur all die Jahre etwas vorgemacht." Jemand aus dem Publikum meldet sich. Er bekommt ein Mikrofon gereicht und fragt: "Was ist denn das nun wieder, eine Jungfrau?".
"Ja", gibt sich Hans Greiser in bekannter Weise intellektuell und belesen, "sagen wir mal so. In der Bibel, das ist ein ganz dickes Buch mit ganz vielen Geschichten, sagt Maria - das wiederum ist eine ganz liebe Frau - zu einem Engel, also einer Art Alien: ich habe bisher noch keinen Mann erkannt".
"Oh doch", ruft jetzt Doris unbeherrscht dazwischen, "ich habe sie erkannt, die Männer, die Kerle. Von wegen: keinen Mann erkannt. Hast Du einen erkannt, hast Du sie alle erkannt.
Die wollen doch alle immer nur das eine und wenn sie es einem dann nicht geben, muss man sich einen anderen Mann suchen".
"Aber noch einmal", lässt Hans Greiser nicht locker, "wie kannst Du noch Jungfrau sein, wenn Du mit Günter und Sven und Georg und Iris, entschuldige, ich komme schon ganz durcheinander... "
"Es ist eben, wie es ist", sagt Doris lapidar. "Hol doch von mir aus einen Gynäkologen, der wird Dir das bestätigen".
"Ausgerechnet Du willst Jungfrau sein, dass ich nicht lache", nimmt Günter jetzt das Wort und weiter, an Hans Greiser gerichtet: "Dabei hat sie als Hure gearbeitet, als ich sie kennenlernte. Ja, sie ging auf den Strich. Jahrelang."
"Stimmt das?" Mit skeptischem Blick wartet Greiser auf die Antwort von Doris.
"Ja, natürlich stimmt das. Günter war mein Stammkunde... "und als mir die ganzen Besuche bei ihr zu teuer wurden, habe ich sie gefragt, ob wir nicht heiraten könnten. Das ersparte Geld könnten wir in einem Bausparvertrag anlegen. Ja, und jetzt solltest Du unsere Villa mal sehen".
Hans Greiser ist nun ganz verblüfft.
"Ja, aber wenn sie als Hure gearbeitet hat und dann mit euch allen hier und vor der Sendung auch mit mir ... entschuldigung, das hätte ich jetzt nicht sagen sollen, sei mir nicht böse, Doris, wie kannst Du dann noch Jungfrau sein?"
"Was ist eine Jungfrau, verdammt noch mal, will ich wissen", ruft der Studiogast von eben und beginnt sich auszuziehen.
Und dann kommt ein weiterer Moment, der so nicht jeden Tag in den Talk-Shows zu sehen ist und der es mich nicht bereuen lässt, die Sendung heute gesehen zu haben (ich muss nur höllisch aufpassen, mich morgen im Büro nicht zu verraten):
Auf einmal ist alles still. Die Uhr zeigt 15.50 Uhr. Zehn Minuten hätten die Akteure noch Zeit zu erklären, was eine Jungfrau ist und mit wem sie noch alles - da steht Günter auf, Doris ebenfalls und diesem Beispiel folgen auch Tanja und Sven.
"Also, wo gibt's jetzt die Kohle, die Sie uns versprochen haben", fragt Sven Hans Greiser.
"Wir müssen noch weiter zur nächsten Talk-Show, da spielt Doris, die dann Renate heisst, das als Baby ausgesetzte Findelkind, das über mich, ihren Sohn Thomas, ihre EItern wiederfindet, die aber schon tot sind und Günter alias Manfred als Sohn hinterlassen haben. Wäre alles nicht so schlimm, wäre Günter, also Manfred, nicht der Ehemann von Doris, natürlich Renate, und ich dann nicht das Produkt ungewollter Inzucht."
Wie gesagt, ein Genuss, diese Sendungen. In ihren Irrungen und Wirrungen wahre intellektuelle Herausforderungen.