DAMENWAHL
von Elisabeth Evertz - Buchhandlung Akzente -
Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an dieses Buch herangetraut habe. Denn Lily Bretts Roman "Einfach so" ist nicht so einfach. Von außen betrachtet sehen wir zunächst eine nicht ungewöhnliche amerikanische Familie: die Protagonistin Esther, eine Journalistin um die fünfzig (mit autobiographischen Anteilen der Autorin), ihr Mann Sean, ein Maler, der dabei ist sich einen Namen zu machen, die drei wohlgeratenen Kinder aus früheren Ehen und Esthers verwitweten Vater in Melbourne, der mit seinem Leben nicht mehr so viel anzufangen weiß.
Doch kein Mitglied von Esthers Familie lebt einfach so - es ist vielmehr ein Wunder, dass es sie gibt und eine unbeantwortete Frage im Leben von Esthers Mutter: Warum haben gerade wir überlebt? Esthers Eltern sind polnische Juden, die das Ghetto von Lodz, die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen und das Durchgangslager überlebt haben. Die gesamte Familie und Verwandtschaft ist deportiert und ermordet worden. Esther wurde als einziges Kind der beiden im Durchgangslager geboren bevor die Familie nach Australien ausreisen konnte. Esther leidet wie viele Kinder von Überlebenden an Schuldgefühlen den Eltern gegenüber und an einer Besessenheit vom Holocaust. Ihr Leben ist geprägt vom Wissen um die Greueltaten, die an Juden verübt wurden. Bilder des Elends, Leids und Schmerzes ziehen durch ihren Kopf, machen einen Teil ihrer Gedankenwelt aus, die sich nicht kontrollieren lässt. So geschieht es, dass Esther im Gespräch mit einer Freundin oder bei der Lektüre einer Zeitungsüberschrift oder beim Aufschnappen eines Stichwortes unmittelbar Assoziationen zu Bildern aus den KZs hat und sich Erinnerungen an Textstellen aus Büchern über das Vorgehen der Nazis gegen Juden sich in die Gegenwart schieben. Für Esther ist der Holocaust keine Angelegenheit der Geschichtsbücher, sie selbst besteht aus den Erfahrungen des Holocaust. Das Schweigen ihrer Eltern hat sie durch Lesen kompensiert - mehrere hundert Bücher über die Vernichtung der Juden hat sie gelesen und stehen in ihrem Haus.
Dieses Wissen und Leben im Kopf teilt Esther selten. Es ist diese Lebenswelt, die es ihr schwer macht, einfach so am "normalen Leben" teil zu haben und ihren Platz in der amerikanischen Gesellschaft zu finden. Zudem ist sie noch nicht lange von Australien nach Amerika gezogen, das Heimweh ist noch deutlich zu spüren, die Aussprache noch auffällig ausländisch - New York ist noch keine Heimat geworden. Auch ihr Beruf macht sie einsam: sie schreibt alleine in einem Büro sitzend Nachrufe auf mehr oder weniger berühmte Menschen Amerikas. So ist Esther tagein, tagaus mit dem Tod und dem Sterben in der Vergangenheit und der Gegenwart beschäftigt, während sie in der Psychoanalyse herauszufinden versucht, was ihr Leben ausmacht. Doch die Menschen um sie herum, die ihr in großer Liebe verbunden sind, wirken sehr lebendig und neugierig auf das Leben. Nicht selten führt diese unterschiedliche Lebenshaltung im Umgang miteinander zu sehr witzig-komischen Gesprächen und Entwicklungen.
Neben aller Schwere dieser Geschichte findet sich in vielen Schilderungen ein amüsierter, manchmal schrullig neurotischer, oft absurd heiterer Ton. Keine Schwäche, Neurose, Gebrechlichkeit oder Angst wird verschwiegen oder beschönigt - es ist ein hemmungslos ehrliches Buch, worin die Selbstironie nicht zu kurz kommt. Und dadurch bekommt diese ernste Geschichte so viel Lust und Charme und Komik, dass es Spaß macht, sich darauf einzulassen. Dieses Buch ist einfach unglaublich und der Platz auf dieser Seite einfach zu knapp, um diesem Roman wirklich gerecht zu werden.
Lily Brett: Einfach so! suhrkamp taschenbuch DM 19,80