Literatur

DAMENWAHL

von Elisabeth Evertz - Buchhandlung Akzente -

Welch ein Buch! So viele Seiten, so viele Geschichten und welch ein Ende! Ich freue mich ja immer, wenn es alle paar Jahre einen neuen Roman der kanadischen Autorin Margaret Atwood gibt, die so in gar keinen Mainstream passen will und sich mit jedem Roman auf etwas Neues einlässt. Das neueste Werk "Der blinde Mörder" hat mich schlichtweg begeistert.

Atwood lässt die 83-jährige Witwe Iris Chase Griffen die Geschichte ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Laura erzählen. Iris sitzt in ihrem Haus in Port Ticonderoga in der Nähe von Toronto und erinnert sich an die gemeinsame Kindheit und Jugend, lässt ihre Aufzeichnungen jedoch mit dem Selbstmord der 25-jährigen Laura im Jahre 1945 beginnen, um im Laufe der Erinnerungen den Lesenden Klarheit darüber zu verschaffen, wie sich das Geschehen um die beiden Schwestern während der familiären, politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der 20er, 30er und der Kriegsjahre entwickelt hat.

Iris und Laura wachsen als Töchter des größten Unternehmers in Port Ticonderoga auf. Großvater und Vater haben eine Knopffabrik aufgebaut, beschäftigen eine große Anzahl einheimischer Männer, während des großen Krieges 1914-18 auch Frauen, und genießen großes Ansehen im Ort. Die Mutter verstirbt früh, der kriegsversehrte Vater überlässt die Mädchen der Obhut der Haushälterin Rennie, die die Mädchen mit liebevoller Sorge bemuttert und vor den Gefahren des Lebens warnt. Da Iris und Laura keine Schule besuchen, verbringen sie all ihre Zeit gemeinsam, obwohl die Jüngere der Älteren oft lästig ist. Die unbeschwerte Kindheit endet mit der Weltwirtschaftskrise, als sowohl der Wohlstand als auch das Ansehen der Familie Chase im Ort schwindet. Mit der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung wird aus dem vermeintlichen Wohltäter der Ausbeuter Chase. Iris und Laura lernen 1934 beim alljährlichen Labour-Day-Pick-nick der Knopffabrik Chase einen jungen, linken Heißsporn kennen, der ihrem Leben eine Wendung verleihen wird.. Zunächst verstecken die beiden den wegen Brandstiftung gesuchten Alex Thomas auf dem Dachboden und auch nach seiner Flucht wird er in ihrem Leben immer wieder eine Rolle spielen. Erst Jahre und viele Seiten später wird die Tragweite dieser Begegnung deutlich. Bis dahin erfahren wir von Iris Vernunftehe mit dem Industriellen Richard Griffen und seiner schrecklichen Schwester, die alle Entscheidungen trifft, denen Iris und Laura sich zu beugen haben.

Eingeflochten in diese Erzählung der alten Iris ist das Manuskript "Der blinde Mörder", das nach Lauras Selbst-mord auftauchte, veröffentlicht wurde und ihr posthum großen Ruhm bescherte. In diesem ‘Buch im Buch‘ wird die Geschichte einer verbotenen Liebe einer wohlhabenden Frau mit einem untergetauchten linken Rädelsführer erzählt. Nach ihren Stelldicheins in schäbigen Unterkünften verbringen sie ihre wenige Zeit mit dem Erzählen einer Geschichte, die in einer anderen Zeit auf einem anderen Planeten spielt. Der Mann erfindet ein grausames Universum, worin Kinder bis zur Blindheit Teppiche knüpfen und sich dann als blinde Auf-tragsmörder verdingen müssen (mit erstaunlichen Parallelen zur realen Welt).

Alle Erzählstränge laufen am Ende des 700seitigen Schmökers verblüffend zusammen. Sollte der Aufbau sich auch kompliziert anhören, das Buch liest sich sehr gut, dank Atwoods unverwechselbaren, unangestreng-ten Schreibens. "Der blinde Mörder" hat viel an Unterhaltung, Spannung, Humor und Selbstironie der alten Iris zu bieten. Herausragend ist je-doch die Sprache, das leicht-füßige Spiel Atwoods mit Bil-dern und Parallelen. Dieses Buch ist rundum ein Genuss!

Margaret Atwood: Der blinde Mörder. Berlin-Verlag DM 48,-