DAMENWAHL
von Gunda Wirschun
Auf Fantasy-Romane stehe ich überhaupt nicht. Die wirkliche Welt bietet so reichlich Anlass zum Geschichten erzählen, dass ich auf das ‚Übersinnliche’ gern verzichte (außer natürlich bei Harry Potter...). Wenn allerdings beide Elemente eine so gelungene Symbiose eingehen wie in Majgull Axelssons Roman "Die Aprilhexe", dann können Vorlieben sich fallweise auch mal verschieben.
Zum Inhalt: Die Ärztin Christina hat kaum noch Kontakt zu ihren beiden ‚Schwestern` Margareta, der Physikerin, und der alkoholkranken Birgitta. Das ändert sich, als ein geheimnisvoller anonymer Brief eintrifft, der sie von der ‚sicheren Seite des Lebens’ schnur-stracks und schmerzhaft in die Vergangenheit zurückbringt. Zurück zu Ellen, der Pflegemutter, die die drei Mädchen aufnahm, nachdem ihre leiblichen Mütter sich ihrer entweder entledigt oder sie halb umgebracht hatte. Christina hat es nur Ellen zu verdanken, dass sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen hat. Welche von den beiden anderen ist es, die ihr nun dieses Leben nicht gönnt? Aber Margareta und Birgitta haben selbst Post bekommen...
Keine von den dreien ahnt, dass es da noch eine vierte ‚Schwester’ gibt: Desiree, Ellens einziges leibliches Kind. Schwerstbehindert lebt sie seit ihrer frühesten Kindheit in Pflegeheimen. Sie kann weder gehen noch sprechen, kommuniziert aber per Computer mit ihrem Arzt. Dafür hat sie als Aprilhexe - in Anlehnung an Ray Bradbury - ganz andere Fähigkeiten: Sie kann ihren Körper verlassen und mit Hilfe geeigneter ‚Transportmittel’ - z. B. einer Möwe, einer Krähe oder auch eines Menschen - die Welt erkunden. Als sich ihr Zustand rapide verschlechtert, will sie mit aller Macht mehr erfahren über die drei Mädchen, die ihren Platz bei Ellen eingenommen hatten, nachdem sie im Heim verschwunden war: "Eine meiner Schwestern hat das Leben gestohlen, das für mich bestimmt war. Ich will wissen, welche."
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die faszinierende Geschichte von vier Kindheiten im Schweden der 50er, die Lebensgeschichte von vier Frauen bis in die 90er Jahre auf mitreißende und anrührende Weise. Da sind Christina und Margareta, die es ‚geschafft’ haben und dennoch an ihrem Leben zweifeln. Birgitta, die Alkoholi- kerin, die von Anfang an Unfrieden stiftete und der die beiden anderen Schwestern die Schuld an Ellens Schlaganfall geben, der sie bis zu ihrem Tod - 14 Jahre später - lähmte. Und Desiree, die "Ersehnte", die Ellens rachitisches Becken nicht passieren konnte, die nichts mehr zu verlieren hat.
Majgull Axelsson, geb. 1947, gehört zu den bekanntesten Journalistinnen Schwedens. Mit "Die Aprilhexe", ihrem zweiten Roman, stürmte sie in Schweden die Bestsellerlisten und errang den wichtigsten Literaturpreis des Landes, den "Augustpriset". Im Frühjahr erschien der Roman in deutscher Übersetzung. Es lohnt sich auch im Winter noch ungemein, ihn zu lesen.
Majgull Axelsson: Die Aprilhexe. München: Bertelsmann 2000. DM 44,90