Die Hand am Ohr

Frohes Neues...

Ein besinnlich-heiterer Jahresrückblick

von André Schörnig

Wie zuversichtlich ich damals war, wie blind. Aber ich kann mich erinnern, dass ich die Schüssel am Morgen des Neujahrstag noch im Arm hielt und Sekt-Raclette spie, und wirklich glaubte, dieses neue Jahr, dieses lang ersehnte Jahr mit den drei Nullen würde Veränderung, Reinwaschung bringen... Ich versuchte mir einzureden, dass mein Kater nicht so schlimm wie in den anderen, in den schlechten Jahren sei, dass die Luft draußen viel reiner, und die Arbeitsplätze viel reichlicher sein würden. Doch als ich um 16.32 an diesem ersten Januar schließlich die Augen öffnen konnte und nicht mehr bei jedem Wort welches ich jubeln wollte würgen musste, sah ich, dass alles gleich aussah. Alles war geblieben wie immer. Das Wetter matschig, die Rechnungen hoch, das Fernsehprogramm RTL2.

Ich quälte mich weiter durch die Zeit, die Tage vergingen und nichts passierte. Jeden Tag erwartete ich sehnsüchtig. Der Winter neigte sich dem Ende entgegen und der Herbst kam. Big Brother öffnete uns seine Pforten, und spätestens seit dem Lied mit seiner Tochter weiß ich ganz genau, dass der menschliche Selbsterhaltungstrieb uns veranlasste, Jürgen die ganzen 100 Tage im Haus zu lassen. Ich wette auch, dass die hohen Einschaltquoten nur daher kamen, weil die Leute sehen wollten, ob die Idioten auch wirklich noch im Haus sind und nicht etwa wieder frei herumlaufen. Das hat uns aber mal wieder gezeigt, dass ein absoluter Nichtskönner und ungebildeter Idiot in der Lage ist, jemand zu werden. Aber selbst das gibt mir nur wenig Hoffnung!

Ich glaubte wenigstens, dass mit der neuen Hundeverordnung etwas Linderung mit meinem Seelenschmerz ein-hergehen würde. Doch weit gefehlt, ich fühle mich seitdem nur noch mieser, wenn ich auf der Straße einen Bandog mit einem Maulkorb rumlaufen sehe, der so stabil wie Verona Feldbuschs Nikolauskostümstrapse wirkt. Bei dem Gedanken an Regel Nr. 1: Zeige nie deine Angst, ein Hund riecht das!, scheiße ich mir fast in die Hose.

Eines Tages, ich hatte mir gerade eine leckere Aldi Rindsroulade mit Kälbermettfüllung gekauft, da hörte ich in meiner Nachrichtensendung "7 Tage 7 Köpfe" von dem Journalisten Rudi Carrell, dass es jetzt auch in Deutschland BSE gibt. Der totale Wahnsinn wenn sie mich fragen! Keine Ahnung, was ich noch essen soll! Von Käse krieg ich das Würgen, Puten werden mit Trichtern im Hals fett gemacht (ist das vielleicht das Schlaraffenland?), Aldi-Pommes sind auch teurer geworden. Wird es denn nie enden? Na ja, seit unser Hammer Landtagsabgeordneter Laurenz Meyer CDU Generalsekretär ist, habe ich sowieso keinen rechten Hunger mehr. Wobei wir beim nächsten Thema wären. Endlich mal was erfreuliches. Die CDU hat uns das Wort des Jahres geliefert, und die ersten beiden Unwörter des Jahres noch dazu: Schwarzgeldaffäre, deutsche Leitkultur und Computer-Inder. Beachtliche Leistung, ich verneige mich so tief, dass ich gleich in den Gulli kotzen kann.

Ein tolles Jahr, und das meine ich ernst! Blendend! Man muss nur in die Zeitung gucken! Tunnelkatastrophe, Con-cordeabsturz, Kurskunglück - alles wird auf zwei Tage verteilt in die Schlagzeile gesetzt, danach regieren wieder die wichtigen Themen: Boris und Babs poppen nicht mehr, Beckenbauer poppt mit einer anderen, Daum ist verschnupft, Jenny kriegt ein Kind von Alex, Dieter Bohlen kann auch noch im Teppichladen und alle sind happy. So ein Glück, wenn solche Dinge immer noch am wichtigsten sind, kann alles nicht so schlimm sein. Ich ziehe meinen Hut vor Deutschland und hoffe auf 2111.