von Gunda Wirschun
Wieder ein Roman aus Schweden, und wieder eine "Desiree", die Erwünschte, als Unheilsbringerin - was für ein Zufall! Oder hat Barbara Voors sich bei der Namensgebung in ihrem Roman "Klaras Tagebuch" von ihrer Kollegin Majgull Axelsson ("Die Aprilhexe") inspirieren lassen?
Die (feministische) Literaturwissenschaftlerin Saskia Van Ammer aus Amsterdam reist mit Mann Magnus und Tochter Malin zur Sommerinsel ihrer Kindheit in die Stockholmer Schären. Im Ferienhaus der inzwischen verstorbenen Mutter findet sie einen Brief und einen vergilbten Zeitungsausschnitt, der vom gewaltsamen Tod zweier Menschen und dem Verschwinden einer Frau - Saskias Zwillingsschwester Klara - berichtet. "Nicht von mir wird diese Geschichte handeln, sondern von meiner Schwester. Was lässt sich darüber sagen, Schwester zu sein? Dass es verheerend ist? Zerstörend? Wundervoll? Die Beziehung zwischen Klara und mir ist eine von der bedrängenden Art, bei der man bis zum Überdruss liebt, es ist die Art Schwesternschaft, an der eine schließlich sterben muss."
Zehn Jahre ist es her, dass Klaras beste Freundin Desiree und deren Geliebter erschossen aufgefunden wurden. Eine enge Freundschaft war das. Fast eine Liebesbeziehung. Jedenfalls hat Klara das so aufgefasst, die weggehen wollte mit Desiree - fort von deren unverbindlichen Männerbeziehungen und einem kalten Elternhaus. Aber war nicht in Wirklichkeit alles ganz anders? Welche Desiree war es, die Klara liebte?
Die genauen Umstände der Bluttat vor zehn Jahren sind noch immer ungeklärt.
Und von der Zwillingsschwester Klara fehlt - bis auf ein zurückgelassenes Auto mit Kleidungsstücken an einer hohen Brücke - jede Spur. Aber Saskia findet die Tagebücher der Schwester in dem Stockholmer Ferienhaus...
Es geschieht eigentlich nicht viel in diesem Roman. (Das Blut ist schließlich schon vor zehn Jahren eingetrocknet...): Eine Familie macht Urlaub. Eine Liebesbeziehung arbeitet. Eine halbwüchsige Tochter macht ihre eigenen Erfahrungen - mit einer neuen Desiree. Eine Frau, die keine Freunde hat, verbringt warme Sommerabende mit einer starken, selbstbewussten Kollegin und ihrem gemeinsamen Buchprojekt.
Und: Ein pensionierter Krimi-nalinspektor streicht in den Schären umher, weil ihm ein ungeklärter Fall keine Ruhe lässt."Klaras Tagebuch" ist insofern alles andere als ein Aktionkrimi, vielmehr ein Roman, der von der psychologischen Entwicklung seiner Figuren lebt. Saskia zumindest, die erst nach einem Fahrradunfall bereit war, sich auf ihre tragische Familiengeschichte einzulassen, hat am Ende eine tiefgreifende Wandlung durchgemacht. Der Nebel hat sich verzogen, das Rätsel um Klara ist gelöst, und der Mordfall kann aufgrund eindeutiger Beweise zu den Akten gelegt werden. Nur Magnus, der reist ab in seiner großen Verstörung - aber kann sein, dass er wiederkommt.
"Das hier ist ein spannendes Buch von einer jungen Autorin, die wirklich eine Geschichte erzählen kann - sowohl was die Handlung angeht als auch die Gefühlswelt der Personen" (Marianne Fredriksson).
Barbara Voors: Klaras Tagebuch. Leipzig: G. Kiepenheuer Verlag 2000. DM 36.-