Träume einer jungen Frau
von Jürgen Halbe
Bei unserem Lieblings-ltaliener. Meine Frau und ich freuen uns darüber, dass wir eine arbeitsintensive Woche hinter uns gebracht haben und genießen Penne und Pizza sowie den Wein.
Einer der letzten noch freien Tische im Lokal ist der Tisch direkt hinter uns. An diesen Tisch setzt sich ein junges Paar. Der junge Mann ist mit einem "Handy", ausgerüstet und ich mache gegenüber meiner Frau die Bemerkung, dass da wieder einmal jemand ist, der davon ausgeht, stets und überall ununterbrochen telefonisch erreichbar sein zu müssen. Die junge Frau fällt zunächst und vor allem durch ihr hellblondes Haar auf.
Kurz nachdem die Beiden sich gesetzt haben, beginnt die junge Frau in einem ununterbrochenen und nicht zu unterbrechenden Redeschwall zu erzählen. Sie spricht dabei deutlich und laut, so dass die Gäste an den umliegenden Tischen alles mitbekommen können, besser gesagt: müssen, ob sie wollen oder nicht.
Die junge Frau beginnt damit, dass sie ihrem Begleiter davon erzählt, sich schon lange ein Baby zu wünschen, dass sie es auch oft versucht habe, es jedoch noch nie geklappt hat. Schwierig sei es, so ein Baby zu empfangen, das Austragen wiederum nicht, aber die Geburt. Und wenn es dann erst einmal auf der Welt sei, das Baby, würde es auch groß. Ihre Mutter hätte am liebsten zehn Kinder von ihr, aber sie würde sich mit Vieren oder Fünfen begnügen.
Einmal wird ihre Stimme sogar so laut und schrill, dass man an einen hysterischen Anfall glauben könnte, sie erklärt ihrem Begleiter jedoch lediglich anhand ihrer Serviette, wie man Babies mit Stoffwindeln fachgerecht wickelt. An den umliegenden Tischen ist die Unterhaltung verstummt: weniger, weil man der jungen Frau unbedingt zuhören möchte, sondern vielmehr, weil ihre dominierende Stimme alles andere überdeckt.
Der Kellner naht mit dem Essen für das Paar und meine Frau gibt mir flüsternd zu verstehen, dass wir jetzt wohl berechtigte Hoffnung haben, unser eigenes Essen genießen zu können, ohne uns unfreiwillig einen Vortrag anhören zu müssen über die Zeugung und Pflege von Babies, über Eisprung und Monatszyklus und dergleichen mehr.
Aber unsere Hoffnung wird enttäuscht - die junge Frau gehört bedauernswerterweise zu jenen menschlichen Wesen, die essen können und dabei vollkommen unbeeinträchtigt ihr Gespräch - besser: ihren Monolog - fortsetzen können. Jetzt gerade klärt sie darüber auf an wieviel verschiedenen Plätzen sie schon versucht hat, zusammen mit einem Mann ein Baby ins Leben zu rufen.
Der junge Mann schweigt. Zum einen hat er auch keine Gelegenheit, den fließenden Redestrom zu unterbrechen, zum anderen ist er sicherlich auch geschockt über Art und Inhalt der Ausführungen, die seine Begleiterin ihm zu Gehör bringt. Zu allem Überfluß bleibt sein Handy ruhig: niemand, der ihn anruft, um ihm eine willkommene Pause zu verschaffen. Ich stelle mir vor, dass dieser Besuch in der Pizzeria das erste Treffen der Beiden ist. Das erste gemeinsame Ausgehen. Vielleicht hat sich die Vorgeschichte so abgespielt:
Die junge Frau arbeitet in einem Kaufhaus. Aufgefallen ist sie dem jungen Mann durch ihre sehr blonden Haare, die sie wie natürlichen Schmuck zu tragen weiß. Irgendwann hat sich der junge Mann ein Herz gefasst und sie gefragt, ob er sie zum Italiener einladen dürfe. Die junge Frau hat zugesagt, worüber der junge Mann sich freute, weil er es bestimmt auf seine männliche Ausstrahlung zurückgeführt hat. Die junge Frau selbst sah in ihm möglicherweise nur einen weiteren Baby-Erzeuger, was sie ihm aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen konnte. Erst beim Treffen im Restaurant begann sie dann davon zu sprechen, vielleicht wollte sie ihm damit auch zeigen, wie willig sie mit ihm gehen würde, um ihm Befangenheiten zu nehmen und gleich ohne Umwege "zur Sache" zu kommen.
Und vielleicht endet nach dem Besuch beim Italiener die gemeinsame Geschichte der Beiden so:
Sie: "Es war schön, sehe ich Dich wieder?" Er. "Ich rufe Dich auf Deinem Handy an!" Sie. "Aber ich habe doch gar kein Handyl" Er. "Eben!"