Literatur

DAMENWAHL

von Dr. Volker Pirsich - Leiter der Stadtbücherei -

Jørn Riel:

Das Haus meiner Väter. Roman. Unionsverlag Taschenbuch. 2000.

Nicht alle Eisbären halten Winterschlaf. Eine arktische Safari. Unionsverlag 2001.

Die zwei wirklich wunderschönen Romane aus dem hohen Norden habe ich kurz nach Neujahr förmlich verschlungen. Natürlich muß man ein Faible für die Arktis haben, muß man seinen Jack London oder auch Juri Rytchëu gelesen und geschätzt haben, ehe man auf Riel als Autor überhaupt stößt. Aber dann! Ich behaupte, daß Riel viel besser ist als London oder Rytchëu. Weil sich in seinem Werk etwas findet, was bei den beiden fehlt: Ironie und Witz.

Worum geht es? In "Das Haus meiner Väter" erzählt Riel die Geschichte einer Männergemeinschaft in einem Haus irgendwo hoch im Norden – möglicherweise in Kanada, aber das spielt keine entscheidende Rolle. Hauptpersonen sind fünf Männer unterschiedlichster Herkunft, die sich in diesem Haus einrichten und als Jäger arbeiten, ein Junge und eine Eskimofrau, die als Amme und Haushälterin fungiert. "Das Haus meiner Väter" ist der einzig passende Titel für diesen Roman, ist der Junge doch aus der Verbindung eines der Männer (fraglich nur: welches) mit einer Eskimofrau hervorgegangen, die dann irgendwann ihrer Wege gegangen ist. Die fünf haben die Frage nach dem: Wer ist der Vater? praktisch und einvernehmlich gelöst: Zwei sind Väter, drei sind Onkel.

Die Erlebnisse der Jäger, das Heranwachsen des Jungen, zahlreiche ethnologische Einsprengsel (die nirgends langweilig werden) – all das wird fabelhaft erzählt, mit leichter Feder, aber eben nicht seicht, erzählt von einem, der lange Jahre im hohen Norden gelebt hat und seine Liebe für dieses unwirtliche Stück Welt überall durchscheinen läßt.

Dieses Buch hat Lust gemacht auf mehr; und das Mehr ist gerade neu auf dem Buchmarkt. Riel hat "Nicht alle Eisbären halten Winterschlaf" im Nordosten Grönlands angesiedelt und wieder Jäger zu den Hauptfiguren gemacht. Seine Gestalten und Geschichten sind womöglich noch skurriler als in "Das Haus meiner Väter"; da gibt es eine "virtuelle Geliebte", die von Hütte zu Hütte weiterverkauft wird, da gibt es einen (auf Grönland!) Wein züchtenden Grafen, die Anfänge eines kleinen Orchesters mit improvisierten Instrumenten und noch vieles mehr. Anders als in "Das Haus meiner Väter" erzählt Riel hier keine fortlaufende Handlung, sondern einzelne Episoden, die nur locker (durch die Personen) miteinander verbunden sind, Geschichten, wie die grönländischen Jäger sie einander erzählt haben oder hätten erzählen können.

Riel ist selbst Jäger auf Grönland gewesen, in den 50er Jahren, als die Zeit der Jäger auf Grönland schon fast vorbei war. Er hat der Insel, den Menschen und ihrer Zeit ein literarisches Denkmal gesetzt, wie es gelungener kaum sein könnte.

Es gibt eine klare Empfehlung: Lesen, und zwar in der Reihenfolge "Das Haus meiner Väter" und dann "Nicht alle Eisbären halten Winterschlaf", und hoffen, daß noch weitere Romane von Riel ins Deutsche übersetzt werden.