Die Nordwest-Passage oder "Der Traum des John Franklin"
Von André Schörnig
Dass es kein Spaziergang werden würde war ihm gleich klar, aber von Spaziergängen hielt John Franklin ohnehin nicht viel. Meistens musste er dabei nach kurzer Zeit aufs Klo. Das war auch der Grund warum er Seefahrer geworden war. "Ein Seemann", pflegte er jeden Tag mehrmals zu sagen: "Ein Seemann hat sein Klo immer dabei. Da kann kommen was wolle." Das war sein Lebensmotto. Immer hatte er alles dabei, was ein guter Navigator brauchte: Seinen Orientierungssinn, seine gesunden Augen, seinen wachen Geist und seinen Sextanten.
Letzteres brachte ihn manchmal in einige Schwierigkeiten mit der Polizei, wenn er ihn mitten in London benutzte, um nach der Kneipe seinen Heimweg anzupeilen.
John Franklin hatte einen Traum. Er wollte es sein, der die Nordwest-Passage entdeckte. Die Verbindung von England mit dem amerikanischen Kontinent direkt durch die Antarktis. Es war das Jahr 1847.
Er hatte es geschafft Geldgeber und ein Schiff zu finden. und war fest entschlossen. 133 Mann Besatzung warteten gespannt auf das Auslaufen. John Franklin saß nachdenklich zu Hause und dachte nach. Nachdenken konnte er gut, manchmal tagelang, aber eigentlich immer über nichts. Eine Liste lag vor ihm: 3200 lange Unterhosen, 5000 Teebeutel, 400 Paar Handschuhe usw., einige Sachen wie "700 Eiswürfelbereiter" und "23 kalte Kompressen" waren durchgestrichen. Er konnte nicht schnell denken, keine schnellen Entschlüsse fassen, deshalb musste er sich alles penibel genau aufschreiben. Am Ende der Liste war zu lesen: 0 Frauen. Bei einer seiner letzten Expeditionen hatte sich nämlich ein Seemann Franklins langsame Denkweise zunutze gemacht, und kurz vor dem Auslaufen gesagt, dass die 340 Frauen noch nicht an Bord seien und noch verladen werden müssten. Franklin, der ziemlich überrumpelt war, ordnete an, sofort noch Laderaum dafür freizumachen. Die Expedition ging als die "Große Orgie bei Färoer" in die Geschichtsbücher ein. Diesmal wollte er sich nicht so überrumpeln lassen.
Es war nicht das erste mal, das er diese verdammte Nordwest-Passage gesucht hatte. Bei der letzten Expedition hatte es nur einige kleine Fehler gegeben, die so nie wieder vorkommen durften. Er nahm eine andere Liste vor und schrieb: Mannschaft einbleuen, niemals aus Spaß einen Eskimo mit einem Schneeball zu bewerfen. Er unterstrich es zweimal. Beim letzten Mal hatte er dabei drei Männer verloren, weil die Eskimos Spezialisten im aufgesetzten Schneeballwurf waren und dabei überhaupt nichts witzig fanden. Sie hatten fliehen müssen, ohne Vorräte, ohne Schiff und ohne die warme Seehundbrühe leertrinken zu können.
War es Glück, oder hatte Gott noch etwas vor mit diesem John Franklin. Seine Stiefel hatten Schuhgröße 52. Und so war er es, der noch lange davon essen konnte, als alle anderen ihre Stiefel schon aufgegessen hatten und dem Tode geweiht waren. Mit letzten Kräften, und auf 82 Kilo abgemagert wurde er schließlich von einem Tiroler Wanderverein aufgefunden.
Diesmal nun sollte es besser werden, alles sollte bis ins Kleinste geplant sein. Er dachte nach: Reichten 520 Ohrenschützer wirklich? Waren genug Eiskratzer an Bord? Und Anti-Bat-Eisbären-Spray? Er dachte noch lange nach, doch schließlich, drei Wochen später stand er entschlossen auf und ging an Bord. Das Schiff schwamm unter Jubelrufen und heftigem Winken davon und ward fortan nie mehr gesehen. Schade.
50 Jahre später fand Amundsen die Nordwest-Passage.