Kurz vor Redaktionsschluss erreichte Willi dieser Brief unseres verschollenen Redakteurs André Schörnig. Wir glaubten er sei tot, doch es kam viel schlimmer...
Heute, der Tag an dem ich das hier schreibe ist der 11.11. und ich weiß nicht wie lange ich noch leben werde. Heimlich klebe ich diese Buchstaben aus Konfettiresten auf die Haut meines Rückens. Ich hoffe jemand findet diese Zeilen, wenn ich mich das nächste mal gehäutet habe. Hört meine Geschichte.
Natürlich war ich pünktlich um 11.11 Uhr heute in der Hochburg des Karnevals, dem Mekka der Närrinnen und Narren. Ich war in der Ritterpassage. Eigentlich wollte ich nur am Geldautomaten das Konto meiner Freundin überziehen, doch dann fielen mir die vielen bunten Gestalten auf. Zuerst mutmaßte ich, es müsse sich um eine Papageienausstellung handeln, sozusagen als Antwort auf das Reptilienspektakel neulich im Alleecenter, denn auch das was die bunten Typen sagten, hätte jeder durchschnittlich begabte Papagei spielend heraus bekommen. Gerade plazierte ich mich vor einem dieser lustigen Gesellen und wollte anfangen seinen Bauch zu kraulen, als mir ein penetranter Biergeruch in die Nase stieg, der nicht mit dem von mir erwarteten Naturjod S11 Körnchenduft in Einklang zu bringen war.
Mir wurde heiß, und ich lockerte den Knoten meiner EXPO 2000 Krawatte, tastete wild aber vergebens nach einem Halt und taumelte in eine dahergelaufene Truppe Funkenmariechen, die mein Auftreten als Anmache werteten und sehr glücklich übers ganze Honigkuchengesicht strahlten, weil sie soetwas ja nicht gewohnt sind. Nur mühevoll konnte ich mich aus der zähen Masse aus Make-up, Nylon, Plüsch und Schweiß freischaufeln.
Ich fand ein Versteck hinter einem Haufen Xylophonen, und Trommeln, von wo aus ich das hektische Treiben weiter beobachtete. Als die Funkenmädels mein Verschwinden zehn Minuten später akzeptierten, begannen sie wieder mit der für Funkenmariechen natürlichen Bewegung. Sie stellten sich in einer Reihe auf, legten die Hände in die Hüften, verzerrten Ihre Lippen zu einem grotesken Lächeln und warfen kickbox-ähnlich ihre Beine in die Höhe. Etwas furchtbares passierte, was ich nur schwerlich erzählen kann. Durch meine geduckte Haltung befand sich meine Sichthöhe auf ca. 80 cm. Die tanzenden Karnevalspferde waren in meine Richtung geneigt. Jeder weiß, das Funkenmariechen eine durchschnittliche Beinlänge von ebenfalls 80 cm aufweisen, und somit wurde bei jedem Beinanhub etwas gezeigt, was mich auf Jahre nicht richtig schlafen lassen wird. Ich versuchte meinen Blick abzuwenden, doch es gelang mir nicht. Ich musste hinstarren, immer und immer wieder. Ich hielt es nicht mehr länger aus, ich trat panisch die schützende Xylophonmauer vor mir weg, die lauthals in einer bizarren Version des Radetzky Marsches zerbarst. Ich rannte auf die Mariechen zu, festen Willens ihre Horrormauer zu durchbrechen, und ein für alle mal Schluss mit Karneval zu machen, doch ich bezweifelte, dass die Damen meinen Angriff überhaupt spürten. Schließlich sind es alles gestandene Mädels, durchschnittlich 35 kg schwerer als ich.
Ich versuchte es mit bitten und betteln, aber das hat ja in 500 Jahren nicht geklappt. Hässliche Bilder vom Duo Colonia, wandelten durch meinen Sinn, ich schrie, zappelte und schlug gegen den Boden direkt vor dem Stadtwerkeladen. Das fiel nicht weiter auf, denn solche Szenen waren an dieser Stelle nichts neues. Plötzlich erschien mir der Hoppeditz. Ich schwöre es, direkt vor meinen Augen. Er sah mich an und sagte "Mer lasse de Dom en Kölle!", dann verschwand er. Ich stand auf, und wusste was ich tun musste. Es war nicht das was ich wollte, doch ich konnte einfach nicht anders. Ich ging zur Bühne, küsste jedes Funkenmariechen auf die weitläufige Wangengegend, kniete mich vor das Dreigestirn und proklamierte wild die elf Artikel des närrischen Grundgesetzes.
PRINZ ALIBERT I. und PRINZESSIN DAPHNE II. sahen eine Zeit lang auf mich herab, und schmückten dann mein Haupt mit einem dieser Karnevalshüte. Ich versprach alles zu tun, damit der goldene Schlüssel der Stadt bald uns gehören würde. Ich muss Ihre Schenkel massieren. Bitte rettet mich!