Krimi

Der tote Hahn

von André Schörnig

"Was soll denn diese Scheiße, Dr. A.?" Detektive Parker stand wutschnaubend in der Praxis von Dr. Wunder (von Parker liebevoll A. genannt), und hielt einen toten, gerupften, schlanken Hahn in der rechten Hand, mit der linken kratze er sich im Schritt.

"Ich weiß nicht was sie meinen, lieber Parker", sagte Dr. Wunder, der noch immer seelenruhig damit beschäftigt war ein Patientenbein mit einer Baumsäge zu entfernen. Dass es wie so oft das falsche Bein war, sei hier nur am Rande erwähnt.

"Sie haben diesen Vogel bei mir auf den Schreibtisch gelegt, leugnen sie nicht!" Trotz Wut hatte der Detektive seine Hilfsbereitschaft wiedergefunden, legte den Hahn auf den Bauch des Patienten, und erfasste den anderen Griff der Säge, um Dr. Wunder zur Hand zu gehen. Zusammen hatten sie das Bein in weniger als dreißig Sekunden ab. Schon war Parker sichtlich besserer Laune und setzte sich sein Gebiss wieder ein, welches er bei schlechter Laune immer unter seinen Hut steckte.

Dr. Wunder begann sogleich damit, die Blutung des Beines zu stillen, welche schon die ganze Praxis und die umliegenden Räume versaut hatte. Als er den extra großen Blutstillerstift gegen die Wunde presste, ließ auch schlagartig die Betäubung nach. Der Patient wurde unter wildem Kreischen wach, bezahlte hastig die ärztliche Versorgung und war verschwunden, noch ehe er bemerkt hatte, dass das Raucherbein immer noch da war und sein letztes heiles gerade zu Tierfutter verarbeitet wurde.

"Aber lieber Detektive", begann Dr. Wunder nachdem er sich die Hände an seinem Taschentuch abgewischt hatte: "Jetzt sagen sie mir bloß wie sie es herausgefunden haben, dass ich Ihnen den toten Hahn auf den Schreibtisch gelegt habe. Lassen Sie mich raten: Sie untersuchten den Hals des Hahnes mit Ihrem Mikroskop. Selbstverständlich fanden sich einige Hautschuppen der Person darauf, welche das Hähnchen bei ihnen abgelegt hatte. Sofort wurde ihnen klar, um welchen Täterkreis es sich handeln musste, da die ständig verschlossene Tür zu Ihrem Büro, sowie die Fenster und alle anderen potentiellen Zugänge, wie die Nuttengeheimtür unangetastet und nach wie vor verriegelt waren. Es musste jemand sein, der einen Schlüssel besaß. Sie überlegten kurz: <<Welches elende dreckige Schwein besitzt einen Schlüssel und schneit hier einfach so mir nichts, dir nichts rein?>> (Anm. d. Übers.: Da diese Redewendung hier in Deutschland eher unbekannt ist, hier der englische Originalwortlaut: Which wretched dirty pig has the key, and snows here simply so me nothing, you nothing in?)

Natürlich spuckte ihr Gehirn ihnen gleich eine kleine, feine, Liste mit hübschen Namen aus. Da wäre zunächst mal Mrs. Coast, die Haushälterin. Hätte sie vielleicht einen Grund gehabt einen toten Hahn auf ihren Tisch zu legen? Möglicherweise. Sie kombinierten sofort schlüssig und richtig, dass Ihr Mann ein Metzger ist. Diesen Gedanken noch nicht ganz ausgedacht, verließen sie hastig das Haus, um Mrs. Coast unter einem fadenscheinigen Grund aufzusuchen. War es wieder die übliche Könnten-sie-mir-mal-einen-100er-klein-machen? Nummer? Ha! Wusste ich es doch. Der Hauttest jedenfalls war negativ. Die Zeit drängte, wer kam noch in Frage, wer hatte noch einen Schlüssel. Und da kamen sie auf mich. Ich war der einzige, der noch einen Schlüssel besaß. Ganz klar, ich musste es gewesen sein. Kein Zweifel. Sie machten den Hauttest, der Beweis. Tolle Arbeit, Detektive, ich gebe mich geschlagen."

"Dafür wandern sie locker 20 Jährchen hinter Gitter, A. Warum nur?" Der Doktor ließ sich ohne Widerstand zu leisten abführen. Ein weiteres Verbrechen war gesühnt.