DAMENWAHL
von Elisabeth Evertz - Buchhandlung Akzente -
Wenn Menschen mit knapp 60 Jahren ihren ersten Roman publizieren, ist man geneigt zu glauben, dass ein Buch vorliegt, das die Autorin lange in sich hat wachsen lassen, dass das Debüt schon ein reifes Werk ist. Bestes Beispiel dafür ist die Neuerscheinung der englischen Autorin Georgina Hammick: Das Arizona-Spiel.
Dieser Roman ist eine Geschichte über den Alltag der Gefühle, die so ganz anders sind als in den Vorstellungen und Wünschen, die Menschen ein Leben lang hegen. Die Erzählerin Hannah, 36 Jahre; führt uns in die Welt ihrer Kindheit, in ein kleines Städtchen im Südosten Englands, wo sie als einziges Kind bei ihrer Tante Hope und deren über 20 Jahre älterem Mann Ber lebt. Ihre Mutter kennt sie nur von den wöchentlichen Pflichtbesuchen in der psychiatrischen Klinik, wo diese seit dem Unfall verweilt, bei dem ihr vierjähriges erstgeborenes Kind ums Leben kam. Der Vater ist nach diesem Unglück aus dem Land und auch aus dem Leben der damals zweijährigen Hannah verschwunden.
In Episoden erzählt Hannah vom Umgang mit ihrer korrekten, stets Gedichte zitierenden Tante und ihrem schweigsamen Onkel, mit dessen Tod der Wohnsitz nach "Arizona" verlegt wird: einer völlig abgelegenen, maroden Farm, weit weg vom geliebten Meer. Jocelyn, eine Freundin der Familie, zieht mit Hannah und Tante Hope in dieses Haus und sorgt für ein wenig Lebendigkeit im Leben des Teenagers. Hannah leistet den Damen Gesellschaft und nimmt den stets steigenden Whiskey-Konsum der beiden schweigend zur Kenntnis, bis sie von der Tragödie erfährt, die Tante Hope und Jocelyn miteinander verbindet. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie sich auf den Weg machen und auf eigene Füße stellen muss, so sie das "Arizona-Spiel" doch noch gewinnen möchte.
Hannahs Beschreibung der nahestehenden Personen schwankt immer zwischen liebevoller Skurrilität und beschämter Ablehnung, zwischen mitfühlendem Verständnis und beschuldigenden Vorwürfen. Da Hannah ihre eigenen Schwächen und unsympathischen Seiten nicht verbirgt, erleben die Lesenden auch dieses Schwanken der Gefühlswelt: einerseits Sympathie und Verständnis für die Heranwachsende, andererseits Irritation und Unverständnis angesichts Hannahs Lebenshaltung als einsamer Mutter eines hochbegabten und schwer übergewichtigen 15jährigen Sohnes.
Es ist schwer sich der Stimmung dieses Romans zu entziehen. Leichtfüßig erzählt, spannend inszeniert, gewürzt mit Sarkasmus und Selbstironie ist dieses Buch ein Lesevergnügen, das einen zugleich fesselt und amüsiert, wie auch rührt und vor allem einem die Gewissheit vermittelt, die im Klappentext so schön formuliert ist: "dass Gefühle niemals nur schwarz oder weiß sind". Und es vermittelt auch die Gewißheit, dass Debütromane durchaus reife Erzählwerke sein können.
Georgina Hammick: Das Arizona-Spiel. Steidl-Verlag, DM 44,00