Meine Frau ist Politesse
Eine psychologische Leserverrohung von Dipl.-Psychol. Dr. Sonja-Renate Rüpelhof-Lammkoether
Liebe Frau Soja-Renntitte,
ich komme heute mit einem Problem zu Ihnen, von dem ich hoffe, dass Sie in der Lage sind, es zu lösen, denn im Gegensatz zu all dem Pipifax, mit dem die Leute an Sie herantreten, ist meine Not auch die Not der vielen Hammer Autofahrer! Meine Frau ist Politesse!!!
Ich bin mit Rita seit fünfzehn Jahren glücklich verheiratet, wir haben einen Yorkshire-Terrier (Beelzebub), ein Reihenhaus in Westtünnen, zwei Autos und keine Kinder, was will man mehr. Aber kürzlich fühlte meine Gattin sich unterfordert, sie wollte etwas Sinnvolles tun, etwas Eigenes haben. Na gut, soll sie doch einen Töpferkurs belegen, oder in einer Selbsterfahrungsgruppe Presswehen simulieren, oder von mir aus kleine Schmetterlinge auf Spießchen stecken, aber was macht sie? Bewirbt sich als Politesse, und wird auch noch genommen. Und nun nahm das Unheil seinen Lauf. Jeden Tag, bei Wind und Wetter, zieht sie sich ihre schmucke "Uniform" an, alles in dunkelblau, versteht sich, schnallt sich ihren Gummiprengel unter die Jacke und macht sich auf den Weg, um auf der Straße ihr Geld zu verdienen. Wenn die Kolleginnen bei strömendem Regen in der Kneipe sitzen und sich einen anschickern, jagt sie unbescholtenen Autofahrern hinterher. Ihr Spezialgebiet ist es, zu warten, bis ein Parkwilliger auf dem Weg zum Automaten ist, um ein Ticket zu ziehen. In dieser Zeit verpasst sie seinem Scheibenwischer ein Knöllchen und versteckt sich hinter einem Fremdfahrzeug, um die Reaktion des Übeltäters zu filmen. Wenn der sich einen Wolf ärgert, macht sie sich vor Freude in den Schlüpfer.
Kürzlich hat sie sich ihr absolutes Meisterstück geliefert. Wir lagen schon zu Bette und ich war gerade bereit, meine ehelichen Pflichten an ihr auszuüben, als sie mich bat, sie doch ganz schnell mal nach Heessen zur Waldbühne zu fahren. Im Hinblick auf die anschließende Belohnung tat ich ihr den Gefallen und es geschah folgendes: Wir fuhren zum Parkplatz der Waldbühne, er war natürlich leer. Kein Wunder, nachts um 23.00 Uhr gibt es im Winter kaum Spaziergänger im Heessener Wald. Nur ein einsames Auto stand auf dem riesigen Platz, in unmittelbarer Nähe zur Probenbühne. Was meine Gattin aber besonders interessierte, das Auto stand auf dem Behindertenparkplatz! Und das ist, auch nachts, wenn absolut kein Behinderter mehr geneigt ist, den Trimm-Dich-Pfad im Wald zu nutzen, nun mal ein Verbrechen im Sinne der Straßenverkehrsordnung. Jedenfalls nach Meinung meiner lieben Rita. Sie verpasste dem Wagen ein saftiges Knöllchen, ich brachte sie wieder nach Hause und bekam meine Belohnung im Sinne der ehelichen Vereinbarung. Solche nächtlichen Ausflüge sind leider nichts Außergewöhnliches aber immer noch besser, als wenn sie mir wegen unzureichender Leistungen im ehelichen Nachtlager einen Bußgeldbescheid zukommen lässt. Aber sagen Sie doch mal selbst, liebe Frau Doktor, hat meine Gemahlin noch alle Tassen im Schrank? Sogar die Presse hat sich über diesen Vorfall lustig gemacht und ich muss bei uns in der Straße Spießruten laufen.
Vor ein paar Wochen saß ich mit einer Freundin, von der meine Gattin natürlich nichts weiß, im "Café Extrablatt" beim Kaffee. Meine Rita verteilte gerade ihre Tickets auf dem Ladestreifen vor der "Engen Weste", weil ja samstags kein Laden jemals neue Ware erhält. Als sie dieses Geschäft erledigt hatte und dann weiter in der Ritterstraße Wegelagerei betrieb, kam ein Autobesitzer zurück, bemerkte sein Knöllchen und blickte ratlos umher, weil er die Welt nicht mehr verstand. Der ältere Herr stand sicherlich 20 Minuten vor seinem Auto und tat uns schon richtig leid. Als meine Gattin zurückkam und sah, dass sich das Knöllchen des Herrn nicht mehr hinter dem Scheibenwischer, sondern in seiner Hand befand, verpasste sie dem verdutzt dreinblickendem Fahrzeughalter ein frisches Strafzettelchen. Der ältere Herr verstarb noch an der Parkstelle ...!
Aber eben diese Ladezone vor dem "Extrablatt" sollte auch meiner Rita zum Verhängnis werden. Meine nette Freundin Mary und ich saßen wieder beim Kaffee in dem Café, als meine Frau auftauchte, um ihr Tagwerk zu krönen, indem sie einem Mercedes 650 einen Denkzettel verpassen wollte. Sie steckte das ausgedruckte amtliche Dokument in das Plastiktütchen, um es hinter dem Scheibenwischer zu plazieren . . . doch sie stutzte. Wir beobachteten sie gespannt und bestellten zur Entspannung einen Tequila. Rita lief um das Fahrzeug herum, betrachtete es von allen Seiten und wirkte ziemlich ratlos, denn... ein Mercedes dieser Klasse hat einen Scheibenwischer, der sich im Ruhezustand unter der Motorhaubenverkleidung befindet. Wohin also mit dem Knöllchen? Rita lief ein paar Schritte nach links, ein paar Schritte nach rechts, schaute sich um, begann hysterisch zu lachen, dann zu weinen. Wir bestellten einen weiteren Tequila. Ein Passant telefonierte mit seinem Handy und wenig später kam ein weißes Auto mit zwei Männern in weißer Kleidung. Die nahmen meine Gattin mit.
Seitdem sitze ich jeden Tag im "Extrablatt" und trinke Tequila! Und das, liebe Frau Doktor, macht mir große Sorgen, denn ich mag eigentlich gar keinen Tequila. Was raten Sie mir?
Heinz-Ludwig Holeich, Hamm
Lieber Herr Holeich,
es ist noch früh genug, Ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen, indem Sie Ihre Gewohnheiten ändern. Trinken Sie Whisky.
Herzlichst, Ihre Reni