Die Hand am Ohr

Ostern

Von André Schörnig

In den letzten Tagen traten viele Menschen an mich heran mit Fragen wie: "André, wie sollte ich mich zu Ostern richtig verhalten? Kann ich meinen Hasen in Rotweinsauce noch essen, oder muss ich mir eine Ausrede einfallen lassen, wenn ich ihn meiner Schwiegermutter serviere?" oder: "André, wie sollte ich mich zu Ostern richtig verhalten? Kann ich es noch verantworten, bei diesen Spritpreisen zu Ostern meine Schwiegermutter aus dem Sauerland mit dem Auto abzuholen, oder soll ich Ihr lieber ein Stück Hasenbraten schicken?"

Selbstverständlich beantwortete ich all diese Fragen stets ruhig und besonnen, blickte auch hie und da in die Bibel oder betete, wenn eine Antwort zu finden mir schier unmöglich erschien. Doch, lieber Leser, ich muss gestehen, dass mir dieserlei Fragen, die vielen Menschen, auch vielen von Euch, die Ihr diesen offenen Brief jetzt lest, recht sonderbar vorkommen, gerade zu dieser Zeit, so kurz vor Ostern. Ich erinnere mich, wie ich am Mittwoch vor Ostern in unsere Besenkammer ging, um etwas Rote Beete fürs Abendessen zu besorgen, als ich plötzlich zu weinen begann. Zuerst nahm ich an, es müsse daran liegen, dass die Rote Beete ausgegangen waren, doch dann sah ich durch den Tränenschleier noch ein ganzes Glas, und begann mich zu wundern, dass ich immer noch weiter weinte. Mir liefen die Tränen herab, dass mein Latz gegen Rote Beete Flecken auf dem Hemd bald durchnässt war, und ich es wechseln musste.

Ich begann mir Gedanken zu machen, und ja, nach drei Stunden in meiner Besenkammer fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich war traurig über Euch, über die Fragen die Ihr mir stellt. Natürlich weiß ich, dass es Euch auf der Seele brennt, eine Antwort auf all die Fragen zu finden, und natürlich helfe ich Euch gerne weiter, soweit ich kann und mir Gott die Kraft gibt, doch schien es mir zu diesem Zeitpunkt einfach unpassend.

Entschuldigung, aber auch ich muss mal was loswerden. Denkt denn keiner mehr daran worum es an Ostern wirklich geht? Stimmt es denn, dass 52% der Jugendlichen ein Handy haben, sich aber keiner mal die Zeit nimmt anständig zu beten? Ich wette, das würde sich schlagartig ändern wenn Gott eine Emailadresse hätte. Bekommt denn tatsächlich keiner mehr in den Kopf um was es geht, um was es an Ostern wirklich geht? Ich habe 27 Anfragen zum Thema Hasenbraten, 35 Anfragen zum Thema MKS in Holland und die Auswirkungen auf den Frikandellenimport, und satte 47 Anfragen zum Thema Ostergeschenke, GESCHENKE (!) bekommen. Das muss man sich mal vorstellen, da fragen mich Leute nach Geschenken zu Ostern, und niemand will etwas über den wahren Grund des Osterfestes wissen, den Grund, der alle Geschenke dieser Welt wertlos werden lässt. Wirklich traurig, aber glaubt es mir oder nicht, ich habe tatsächlich keinerlei Anfrage zum Thema Ostereier färben bekommen. Niemand scheint es heute noch für nötig zu halten, seine Eier noch selber zu färben. Schämen solltet Ihr Euch, in Grund und Boden schämen. Dieser heidnische Brauch kommt schließlich nicht von ungefähr. Und ich hoffe, dass ein jeder von Euch Nichtfärbern beim reinbeißen in sein Maschinen gefärbtes Batterieei ein grinsendes Küken vorfindet. Entschuldigt, aber ich muss in meine Besenkammer.