Ansichten einer Anachronistin

Meine sehr verehrten Damen und Herren.

Heute wird gesiezt. Wenn man schon mit einem "Meine sehr verehrten Damen und Herren" um die Ecke kommt bleibt das nicht aus. Aber warum auch nicht. Menschen zu siezen halte ich für sehr höflich und respektvoll. Und ich bin ja sehr für Höflichkeit und Respekt. Ich weiß auch gar nicht, wieso mir gerade jetzt, wo ich gutes Betragen herauskehren möchte, fiese, shocking Splatternews durch den Schädel huschen. Wen es also rasch graust, der sollte vorsichtshalber während der nächsten paar Zeilen wegschauen. Mir kam nämlich folgendes zu Ohren und zwar aus zuverlässiger Quelle: in Peru essen sie Meerschweinchen. Ist das nicht eklig? Die Perureisende, die mit diesem Wissen schamlos hausieren ging, hat sie mit eigenen Augen gesehen, die nackigen, gehäuteten Schweinchen mit den appen Köppen. Im allgemeinen bevorzuge ich sowieso Essen schlichterer Natur. Es müssen ja nicht jeden Tag Meerschweinchen sein. Eine schöne Erbsensuppe tut’s auch. Und zum Nachtisch gibt’s dann Muffins. Wissen Sie eigentlich wie um Gottes willen Muffins früher geheißen haben? Die hießen doch nicht schon immer Muffins! Damals, als sie noch nicht so hießen, durften sie jedenfalls auf keinem Kindergeburtstag fehlen. Ich glaube sogar mittlerweile, sie hießen gar nicht. Aber es gab sie zu Kakao und Fanta und die verantwortliche Mutter siedelte sie chronologisch vor den Cocktailwürstchen an. Die Törtchen - in -Papierförm-chen - die - noch - nicht- so -hießen - wie - heute kamen gegen drei (alle Kindergeburtstage fangen gegen drei an), die Cocktailwürstchen gegen sechs, meist als abschließendes Highlight der Veranstaltung. Ein anderer Kindergeburtstags -Evergreen ist zweifellos die vielumraunte Kalte Schnauze. Vielleicht ist Kalte Schnauze aber auch schon Geschichte. Heutzutage fängt man ja früh an mit dem Figurbewusstsein. Ein modernes Kind lehnt einen Fraß, der zu 90% aus Fett besteht wahrscheinlich rigoros ab. An dieser Stelle müsste eigentlich das Ommawörterbuch kommen. Kommt es aber nicht. Es kommt erst nächsten Monat wieder. Qualität wird höher geschätzt wenn sie sich rar macht.

Heute kommt stattdessen ein Gedicht:

Das Gedicht vom Schwein

Das ist ja ungeheuerlich:

das Meerschwein schmeckt so säuerlich.

Es war nicht lang genug im Topf.

Zu alledem fehlt ihm der Kopf.

Ich glaube, da bewegt sich was.

Ein schauerlicher Anblick, das.

Ich wüsste auch gerne, ob man dieser Tage als Kind noch mit Sachen zu tun hat wie Topfschlagen und dem Plumpsack. Wo doch "52% der Jugendlichen ein Handy haben". Und im 21. Jahrhundert ist man ja bestimmt schon mit sieben jugendlich. Da kann man keinen Jugendlichen mehr mit dem Plump-sack, der umgeht, hinterm Ofen hervorlocken.

Aber mir kann das ja alles egal sein. Ich habe die kritische Phase zwischen sieben und zwölf schon weit hinter mir gelassen und bin weise und abgeklärt. Ich weiß, was es heißt, sich zurückzulehnen, ein Fußbad zu nehmen und sich ein schönes Glas Rotbäckchen zu Gemüte zu führen.

Save the Meerschweinchen

Ihre Bianca

André Schörnig, in der Willi-Osterausgabe