Psycho-Beratung

Hilfe, mein Kind ist hochbegabt!

Eine psychologische Leserverbreiterung von Dipl.-Psychologin Dr. Sonja-Renate Rüpelhof-Lammkoether

Sehr geehrte Frau Sonja-Rumtante,

Ich bin 39 Jahre alt, verheiratet mit meinem Mann, dem Dieter, Hausmeistergehilfe in einer Sonderschule* und habe vor neun Jahren meinen ersten Sohn empfangen. Bis dahin war ich noch unbefleckt. Wir sind eine nette kleine Familie, die eigentlich keinen Grund zur Klage haben könnte. Wenn, ja wenn da nicht unser Sohn, der Holgi wäre. Nein, verstehen Sie mich nicht falsch, wir lieben unseren kleinen Streber..., aber fangen wir mal von vorne an: Schon im Alter von zarten drei Jahren war unser Holgi anders als andere Jungs in seinen Jahren. Während die Nachbarskinder bereits Fußball spielten, oder zumindest in Jugendbanden ihre ersten Erfahrungen sammelten, saß unser Söhnchen vor dem Fernseher, und schaute sich Sendungen mit Hauser und Kienzle, Joachim Bublath oder Sabine Christiansen an. Wir waren zunächst sehr überrascht und verwundert, machten uns aber sehr bald auch Sorgen, denn unser Sohn wollte mit uns über das Gesehene diskutieren. Nun ist mein Gemahl von seiner geistigen Struktur her eher schlicht gestaltet, was ihm in seinem Beruf als Hausmeistergehilfe allerdings mehr als zugute kommt. Er kann aber an politischen oder wissenschaftlichen Diskussionen nur bedingt teilnehmen, daher war er beim abendlichen Gespräch mit unserem Filius stets überfordert, was dieser natürlich bemerkte und den Alten gehörig hochnahm, was mein Gatte aber nie bemerkte. Und ich habe ja auch meinen Haushalt, daher stehe ich für derartiges Kommunizieren nicht zur Verfügung. Außerdem ist das Fernsehverhalten unseres Sohnes auch nicht billig, denn wir mussten uns ein zweites Gerät kaufen, damit wir auf unsere Lieblingssendungen "Die Kinder von Bullerbü", "Pumuckl" oder Jörg Pilawa und Co. nicht verzichten müssen. Aber das ist ja nur der Anfang, denn als unser Sohn sechs Jahre alt war, und mein Mann ihn schon in mehreren Fußballvereinen und Jugendbanden angemeldet hatte, interessierte sich Holgi statt dessen für Kultur und Malerei, anstatt seinem Alter entsprechenden Tätigkeiten nachzugehen. Während unsere Nachbarskinder schon die ersten Heimaufenthalte oder Jugendstrafen genossen hatten, saß unser Sohn vor seiner Staffelei und kopierte die großen Expressionisten des vorigen Jahrhunderts. Sicher, das kam uns schon damals etwas sonderbar vor, aber dass unser kleiner Liebling eine ernsthafte Schädigung behalten könnte, kam uns noch nicht in den Sinn. Einmal waren wir mit ihm im Maxipark, dort führte das "Helios-Theater" ein Kinderstück auf, mit dem Titel "Der kleine Purzelbubi und sein Hupfi-Tupfi", intellektuell hochrangig. Während mein Gatte sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlug, sich mit dem Purzelbubi verbündete und das Krokodil in die Hölle

wünschte, war unser kleiner Holgi in sich zusammengesunken und schlief. Und er war zu der Zeit doch erst acht Jahre alt, wie kann man da schon so müde sein? Kürzlich hat mein Mann unseren Sohn mit zu seiner Arbeit genommen. Wenn ein richtiger Junge alt genug ist, muss er natürlich so langsam das Leben kennen lernen. Und dazu gehört auch, dass man erfährt, wie der Vater das Geld verdient, mit dem er die Familie ernährt. Wie ich eingangs bereits erwähnte, ist mein Gemahl in einer Sonderschule tätig und macht für den Hausmeister, neben anderen verantwortungsvollen Besorgungen, auch schon mal Botengänge. Als er an diesem Tag von einem solchen zurückkehrte, unseren Sohn hatte er in die Obhut des Hausmeisters gegeben, war Holgi verschwunden. Auf die Frage, wo er denn sei, antwortete der Hausmeister mit einem verzweifelten Schulterzucken und weinte bitterlich. Nach stundenlangen Ermittlungen fand mein Mann unseren Sohn bei der zuständigen Polizeiwache in einer Einzelzelle. Er hatte sich dem Hausmeister wegen intellektueller Unterforderung durch Flucht entzogen, hatte am Unterricht des Schuldirektors teilgenommen und wurde von diesem, wegen intellektueller Überforderung der Lehrkraft, zunächst in den Karzer geworfen, bis Holgi von einem mobilen Einsatzkommando zur Wache überführt wurde. Seitdem ist für mich und meinen Mann die Welt wieder halbwegs in Ordnung, denn schließlich war Holger das erste Mal im Knast, und somit endlich ein richtiger Junge von heute. Trotzdem, wir haben so ein blödes Gefühl in der Magengegend, denn vor ein paar Tagen hat unser Sohn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" abonniert...! Den WILLI dagegen lehnt er

strikt ab! Was

sollen wir tun?

Annemarie Popell, Hamm.

Liebe Frau Annemarie,

Da haben sie sich ganz schön was eingebrockt, als Sie vor neun Jahren und neun Monaten ihrem Mann Hörner aufgesetzt haben, denn seinen Lenden ist dieses Früchtchen sicher nicht entflossen. Was Sie jetzt tun können? Nun, Sie könnten zum Beispiel seine "Expressionisten" unter die Leute bringen, denn seitdem der gute Konrad Kujau nicht mehr unter uns weilt, braucht Deutschland wieder einen genialen Fälscher, der, wer weiß, in dreißig Jahren die Tagebücher von Helmut Kohl wiederentdeckt. Dann muss die deutsche "Gechichte" (!) abermals neu geschrieben werden. Oder schicken Sie ihn zu Osram Dol, dem kann er dann Unterricht geben, im Malen.

Herzlichst, Ihre Reni.

* "Na ja, wenn er das Zeug dazu hat".