Ansichten einer Anachronistin

Meine lieben Freunde subversiver Werbeverkaufsveranstaltungsfahrten,

man soll sich ja nicht jeden Scheiß aufschwatzen lassen. Wer Butterfahrten mitmacht, so möchte man assoziieren, lässt sich auch Zeitungsabos von ungewaschenen, zwielichtigen Halbweltgesellen an der Haustür andrehen und glaubt an die Wirksamkeit von Cellulitecremes. Jedoch! Gebietet ihm Einhalt, dem Wust von Vorurteilen, denn es gibt auch auf dem so unseriös daher kommenden Sektor der Butterfahrten schillernde Ausnahmen, die sich erhaben erheben über den üblichen Morast der gemeinen Heizdeckendealerhorden.

Zumindest von einer solchen Ausnahme weiß ich. Und das kommt so: als verhältnismäßig kleines Kind musste ich mal einen Ausflug machen und zwar zum weltberühmten

Pricklings-Hof. Ich glaube, das ist der, auf dem die Legendenbildung um Bauer Ewald fußt. Wem bei der Erwähnung dieses Namens psychosomatische Läuse über die Leber laufen, der soll sich mal schön zurückhalten. Meine Erinnerungen an den Hof sind nämlich ganz toll. Besonders fantastisch fand ich meine beiden Weingummikrokodile, die ich während des ganztägigen Aufenthaltes geschenkt bekommen hatte. Woher sie kamen und wieso eigentlich Krokodile und keine Kinderwurströllchen, lässt sich heute leider nicht mehr rekonstruieren. Fest steht aber, dass die Krokodile es mir verdammt angetan hatten und ich sie keineswegs aufessen, sondern als Souvenir mit nach Hause nehmen wollte. Doch dann passierte das Doofe: weil es überall so nach Kuh roch, musste ich unvermittelt auf meine schönen Süßfraßkleinodien brechen. Das war vielleicht eine Sauerei. Ekelig. Schnell an was anderes denken. Here comes the

Ommawörterbuch Teil 9

Schochen - Füße

Muttke - Matsch

Dätz - Kopf

Aber Bauer Ewald will mir nicht aus dem Kopf. Ich führe das auf den Umstand zurück, dass sein kultiger Hof in regelmäßigen Intervallen auf dem Postwege beworben wird. Immer wenn ich Werbung von Bauer Ewald im Briefkasten vorfinde, hadere ich mit mir selber (und eventuellen Mitinteressenten), ob ich meine Erinnerungen an das rustikale Etablissement nicht mal bei Gelegenheit auffrische. Immerhin gibt es ganz viel für umsonst, zum Beispiel haufenweise hausgemachten Schwartenmagen, Streichmettwurst und gekochtes Bauernmett, wobei ich auf die Anschaffung von letzterem möglicherweise verzichten würde, da ich nur eine sehr vage Vorstellung davon habe, was sich hinter der etwas abstrakten Bezeichnung genau verbirgt. Ich bin ja nun weder Schlachterin noch Fleischwarenfachverkäuferin und habe keine Ahnung, wie sich der Vorgang des Kochens auf andere wurstverwandte Lebensmittel als Schinken auswirkt. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir gleich wieder ein bisschen komisch um die Magengegend und ich überlege, ob ich mir das mit der Fahrt nicht noch mal überlege. Ein bisschen skeptisch stehe ich auch der als einmalig angepriesenen Biogasanlage gegenüber. Heißt das, dass kuheigene Darmwinde zur Energiegewinnung genutzt werden? Lehnen die sich da nicht ein bisschen weit aus dem Fenster der extravaganten Umweltfreundlichkeit? Ich glaube, jetzt kann ich mir vorstellen, welcher Art die Dämpfe waren, die den Ruin der Krokodile zur tragischen Folge hatten. Was würde Bauer Ewald dazu sagen? There`s no business like showbusiness? Vielleicht aber hätte er einfach die Füße hochgelegt, die Kuh gekrault und das Mett gekocht. Appetitlos

Eure Bianca