Die Hand am Ohr

Am Anfang war der Sport

von Jürgen Halbe

Obwohl ich mich beim Sport nicht auskenne, es mir egal ist, ob in Imola oder sonst wo irgendwelche Autos mit hoher Geschwindigkeit hinter sich herfahren, und obwohl es mir nicht der Mühe wert ist, mir zu merken, welcher Fußballverein in der Bundesligatabelle auf welchem Platz steht, bleibe ich beim Durchzappen der Fernsehprogramme gerne bei Sportübertragungen hängen. Skispringen sehe ich gerne und Tennis und natürlich Fußball. Nichts ist für mich entspannender, als einem Fußballspiel einige Minuten lang zuzusehen. Wichtig ist nur, dass schöne Spielzüge zu sehen sind, verbunden mit der Überlegung, ob man selbst in der Rolle des Torwartes nicht besser reagiert hätte oder wie man selbst ein Tor erzielt hätte. Wie gesagt: Es ist so herrlich entspannend, einem Fußballspiel zuzusehen. Es gibt jedoch etwas, das mich bei Sportübertragungen stört und regelmäßig ärgert.

Aber ich möchte es anders angehen, um meinen Unmut darzustellen. Es wäre nämlich ein großer Wunsch von mir, einmal eine Fußballmannschaft zu bilden, aus Personen, die sich ansonsten durch ihren scharfen Intellekt und ihre Eloquenz hervortun. Es mag auf den ersten Blick merkwürdig anmuten, wenn zum Beispiel der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranitzki als Mittelstürmer eingesetzt würde, Walter Jens könnte als Linksaußen mit Reich-Ranitzki auf die Torjagd gehen. Roman Herzog wäre ein guter Verteidiger und Umberto Eco könnte ich mir gut im Tor vorstellen. Dieser Vorschlag einer Mannschaftsaufstellung für ein Fußballspiel könnte noch bis zur Komplettheit fortgesetzt werden, aber ich möchte es beispielhaft dabei belassen.

Mein Wunsch mag Befremden und Verwunderung hervorrufen, denn nicht viele mögen es dem über 80-jährigen Reich-Ranitzki zutrauen, 90 Minuten lang aktiv am Geschehen eines Fußballspiels teilzunehmen, oder dem ehemaligen Bundespräsidenten Herzog, als Verteidiger auch schon mal die Notbremse zu ziehen und ein Foul zu begehen. Aber warum sollte dies nicht möglich sein? Wir lassen doch auch das Umgekehrte zu, nehmen es als ganz selbstverständlich hin, dass Sportler nach Veranstaltungen interviewt werden, lassen sogar Pressekonferenzen nach sportlichen Ereignissen über uns ergehen - deren Informationsgehalt gleich Null ist, wenngleich viele Wörter und viele Sätze abgesondert werden.

Nach einem Fußballspiel zum Beispiel wurde der Torschütze des einzigen Tores gefragt, wie er das Tor erzielt habe. Antwort (wortwörtliches Zitat). "Pocke kam rein, ich mitt'm Kopf und drin". Aber nicht nur die Sportler selbst stehen in meiner Kritik, sondern auch die Sportreporter, wobei beide Parteien eine Symbiose bilden und sich in unfruchtbaren und überflüssigen Dialogen perfekt ergänzen. Sportreporter zum Fußballspieler: "Herr A., in der 87. Minute kam der Ball von links herein, Sie standen ungedeckt im Strafraum, bekamen den Ball auf den linken Außenrist und schmetterten ihn mit einem kraftvollen Schuss in das linke obere Toreck. Wie haben Sie das Tor gemacht?" Antwort Spieler A: "Der Ball kam von links herein, ich stand ungedeckt im Strafraum, bekam den Ball auf den linken Außenrist und habe ihn kraftvoll in die linke obere Torecke geschmettert".

Oder. Ein Olympiasieger in einer Einzelsportart wurde gefragt, wie er sich denn fühle und ob er über seinen Sieg glücklich sei. Antwort: "Ich fühle mich gut und bin sehr glücklich".

Wie gesagt, ich sehe gerne Sportveranstaltungen, aber ich verfolge auch gerne Diskussionssendungen im Fernsehen, zumindest dann, wenn die Diskussionsteilnehmer wirklich etwas zu sagen haben und das Ganze sich nicht auf dem Niveau von Massen-Talkshows abspielt. Eine wirklich gute Sendung, bei der die Kontrahenten intellektuell mit guten Argumenten ihre Klingen zu einer guten und fairen Polemik kreuzen. Doch es sollte alles seinen eigenen Platz haben. Sportler sollten gute und faire Wettkämpfe austragen und sich über ihre Erfolge freuen - aber bitte keine Interviews geben oder Pressekonferenzen abhalten, bei denen nichts als Wortmüll produziert wird. Das sollte so selbstverständlich sein wie es selbstverständlich ist, dass niemand von Philosophen, Literaten und anderen Intellektuellen ernsthaft erwartet, sich darin zu versuchen, sportliche Höchstleistungen im Spitzensport zu erbringen.