Reisen mit Willi

Go east* oder die Fantastischen Vier zu Besuch bei "August dem Starken"

Ein Reisebericht von Uli Schwarz

Da stehen die vier Freunde mit ihren Fahrrädern am Hammer Hauptbahnhof. Mor-gens um 7.30 Uhr ist die Welt noch halbwegs in Ordnung. Jedenfalls in der Provinz. Klaus, der Coach, dieser as-ketische, durchtrainierte Radsportler, dem man die nahende 60 nicht ansieht. Gerd, dessen Gang die Frauenwelt fasziniert - er hätte Karriere beim Ballett machen können, hat er aber nicht. Macht lieber tolle Fotos. Horst, der "Pferdeflüsterer", sichert auf jeder Tour die Gruppe nach hinten ab, immer mit wachem Blick für den nächsten "Italiener" und den geliebten Espresso. Schließlich Uli, der wahrheitliebende Chronist. Er tüftelt seit Jahren die Touren aus. Bisher waren auch alle zufrieden. Offiziell jedenfalls...

Der Zug ist pünktlich. Die "F4" steigen ein. Die Fahrt nach Leipzig vergeht im Flug. Stop in Magdeburg. "Hier beginnt die russische Taiga", O-Ton Konrad Adenauer, irgendwann in den 50er Jahren.

Leipzig - Hauptbahnhof. Erinnert an unser Allee-Center, nur eben mit praktischem Gleisanschluss. Jetzt, wo wir in der "Zone" sind wird die Reisegruppe spontan umbenannt: "Ernst Thälmann".

Die ersten Eindrücke in Leipzig sind zwiespältig. Schicki-Mickys neben russischen Wanderarbeitern. Fein restaurierte Innenstadt - heruntergekommene Randbezirke. So hatten sich das die Montagsdemonstranten 1989 wohl nicht gedacht, als sie rund um die Nikolai-Kirche begannen, Honecker + Co. aufs Altenteil zu schicken, um die DDR auf Westniveau zu heben. Dieser Eindruck bleibt während der ganzen Fahrt - an einigen Stellen wird geklotzt, an anderen noch nicht einmal gekleckert.

Die Räder rollen Richtung Torgau. Halt in Würzen. Eines Negers Klage: "Ich bin als Neger in Sachsen geboren, zickzackbeinig und unehelich. Meine Eltern habe ich schon früh verloren. Beide haben mich sehr viel geschlagen." Wer wurde als "Feuerfresser nach Bilbao" engagiert? Hans Bötticher, besser bekannt als Joachim Ringelnatz. Auerbachs Keller und Goethe waren uns in Leipzig Schnuppe; vor dem Geburtshaus von Ringelnatz legen wir eine Gedenkminute ein. "Kuttel Daddeldu" steht uns näher als "Faust".

Die Begegnungen mit den Menschen sind durchweg angenehm. Ein aufgeschlossener freundlicher Menschenschlag, allerdings mit einem eigenartigen Dialekt. Der Sachse hat so gar nichts von dem deprimierten Osssi, den uns die Medien teilweise verkaufen wollen. Bezeichnend der Besuch einer Gaststätte in dem Dorf Falkenhain. Nostalgie pur. Die Einrichtung stammt teilweise noch aus den 60er Jahren. Wir werden begrüßt wie alte Stammgäste. Nach dem verblüffenden Blick auf die Getränkekarte wären wir, ob der niedrigen Preise, auch liebend gerne Stammgäste geworden. Allein, die Anfahrt ist zu lang.

Wir fahren durch Schildau - besser bekannt als Schilda. Imponierend das Fortbildungszentrum für höhere Beamte. Ein gewaltiger, fensterloser Bau...

Torgau an der Elbe, unser erstes Etappenziel ist erreicht. Eine geschichtsträchtige Stadt mit sehenswerten Renaissance-Bauten, Schloss Hartenfels (mit Braunbären im Burggraben), Martin Luthers erster evangelischer Kirche. Begegnungsstätte der russisch / amerikanischen Streitkräfte am 25.4.1945 - Alles in Butter, M. Luther - Horst findet "seinen" Italiener. Aus den geplanten 50 km waren ca. 80 geworden. Die kleinen Schlenker zeigten uns die Landschaft abseits der Hauptstraßen. Nur Radfahrer und Wanderer erleben Land und Leute so intensiv.

- Fortsetzung folgt

* Frei nach den "Bad Job Boys" - sächsische Kultband