Literatur

DAMENWAHL von Elisabeth Evertz - Buchhandlung Akzente -

Selten habe ich an dieser Stelle Bücher von deutschsprachigen Autorinnen vorgestellt, noch seltener von deutschen Lyrikerinnen. Um so größer ist meine Freude, den neuen Roman der Lyrikerin Ulla Hahn hier besprechen zu können, handelt es sich bei dem 600 Seiten starken Schmöker "Das verborgene Wort" doch um meine bisherige Lieblingsneuerscheinung in diesem Büchersommer.

Ulla Hahn erzählt die stark autobiografisch gefärbte Geschichte des Mädchens Hildegard, die in der Nachkriegszeit in einem Dorf im Rheinland in einer katholischen Arbeiterfamilie heranwächst, in der das Hauptaugenmerk in den finanziell schwierigen Zeiten auf dem leiblichen Wohl der Familienmitglieder liegt. Das heranwachsende Mädchen, das gerne mit dem Großvater am Rhein spaziert und ihre Fantasie von Opas Geschichten beflügeln lässt, hat einen schweren Stand in der Familie, in der ein barscher Ton und rauher Umgang miteinander herrscht. Wird Hildegards Interesse für Wörter, Geschichten und später Bücher einmal Thema am Esstisch, erntet sie nur Spott, Verachtlichkeit bis hin zu körperlicher Gewalt, so sie denn nicht gewillt ist, dem Wunsch des Vaters zu entsprechen und aufzuhören, sich für etwas besseres zu halten. Man ist stolz darauf eine Arbeiterfamilie zu sein und jeder, der über den Tellerrand hinausschaut, übt Kritik an der Lebensweise, die nun mal üblich ist im Dorf und somit natürlich auch am Elternhaus.

Hildegard macht viele bittere und einsame Erfahrungen auf dem Weg in die Welt des Lesens und Schreibens, er-fährt aber von entscheidender Stelle - wenn auch oft erst sehr spät - Unterstützung von Erwachsenen, die ihre Sehnsucht nach Wissen und Büchern sehr ernst nehmen, wie z.B. der Leiterin der Pfarrbücherei oder dem Pfarrer. Es ist zudem ein langer Weg, den Hildegard zu beschreiten hat, bis ihr Wunsch nach Bil-dung in Erfüllung gehen wird.

"Das verborgene Wort" ist ein Bildungsroman vor dem Hintergrund der 50er und 60er Jahre, die Ulla Hahn sehr lebendig beschreibt, der für gleichaltrige Lesende sicherlich viel Wiedererkennungswert enthält. Auch das Lokalkolorit des dörflich rheinländischen hat die Autorin sehr gut eingefangen, nicht zuletzt durch die Verwendung des Dialektes als Sprache der Familie im Gegensatz zum Hochdeutschen, das Hildegard sich mühsam aneignet.

Mit meiner rheinisch-katho-lischen Dorferfahrung habe ich mich in diesem Buch sehr Zuhause gefühlt und halte es auch unabhängig von der geografischen Plazierung für einen sehr empfehlenswerten "Schmöker mit Anspruch", dessen Motto mit mir auch viele andere Literaturliebhaberinnen zustimmen werden: "Mit Lesen und Schreiben fängt eigentlich das Leben an"

Ulla Hahn: Das verborgene Wort; Deutsche Verlagsanstalt, DM 49,80

PS.: Für Menschen, die sich in der rheinischen Mundart nicht so zu Hause fühlen, gibt es im Anhang des Buches ein Glossar oder die Buchhändlerin auf der Oststraße 13.