Reisen mit Willi

"König Kurt unter Geiern" - Die Ostwanderung der "F 4" - Teil 2

Ein Reisebericht von Uli Schwarz

Spurensuche am nächsten Morgen. Gerds Schwiegereltern hatten in der Nähe Torgaus bis 1958 einen Bauernhof. Doch die Auskünfte der Einheimischen sind vage, eine genaue Ortsbestimmung ist nicht möglich. Zügig geht es flussaufwärts weiter, ein deutscher Schicksalsstrom will erfahren werden.

Der zweite Tag hat es in sich. Stramme 93 km sind es bis Meißen. Störche am Boden, Gabelweihen in der Luft, wenig Sonne, kein Regen. So geht es die ganze Tour. Uli findet mit traumhafter Sicherheit den höchsten Hügel oberhalb von Meißen. Seine Kletterkünste sollen noch honoriert werden...

Wer sich für sorgfältig aufeinandergeschichtete Steine interessiert: Albrechtsburg und Dom sind einen mühevollen Weg über zahllose Stufen wert. Auch damals (1470) schon: Aufbauhilfe Ost! Der damalige Stararchitekt Arnold von Westfalen baute nicht nur in Meißen, sondern auch die Burg Torgau.

Das Abendessen wird in der, schon zu DDR-Zeiten berühmten, Gaststätte "Vincenz Richter" eingenommen. Das malerische Haus wurde im 17. Jahrhundert erbaut und ist vollgestopft mit uralten Waffen u.ä. Am Nebentisch sitzen Mitglieder des sächsischen Landtags mit ihren Gästen aus Usbekistan. Der Chef des Hauses führt diverse Gerätschaften vor und die Usbeken lauschen staunend ihrer Dolmetscherin. Die Speisekarte lässt keine Wünsche offen. Uli bestellt bei der freundlichen Bedienung Zanderfilet. Geliefert werden allenfalls die Bäckchen des Zanders. Der hauseigene Riesling für 42,- DM entpuppt sich als angenehm süffig - kommt er doch aus Europas nördlichstem Anbaugebiet. Naja, Zucker aus der Soester Börde ersetzt so manchen Sonnenstrahl...

Die teilweise holprigen Radwege fordern ihr erstes Opfer. Horst findet in seinem Essen seinen Stiftzahn! Noch etwas hungrig verlassen wir Vincenz + die Usbeken, um auf dem Marktplatz den letzten kleinen Hunger zu besänftigen. Nach einigen Bieren ruft das Bett im Schatten des Domes.

Wir verlassen die touristisch voll erschlossene Stadt Meißen und fahren ein paar Kilometer Richtung Dresden. Die Jugendträume nehmen endlich Gestalt an, denn wir sind bei Karl May in Radebeul. Das schön aufgebaute Museum zeigt in beeindruckender Weise die vernichtete Welt der nordamerikanischen Indianer. Sehr viele interessante Exponate, z.B. Originalwaffen vom Massaker am "Little Big Horn", wechseln mit Informationen, Schautafeln und Bildschirmen. Man bräuchte Stunden, um sich in das Indianerleben, fernab von Kitsch a là Winnetou + Old Shatterhand, zu vertiefen.

Radebeul’s Neubürger Kurt Biedenkopf spielte leider nicht wie erhofft den Fremdenführer. Im Moment fühlt er sich wohl nicht wie der "Ölprinz", sondern eher "unter Geiern".

Eine besondere Ehrung für Uli: Aufgrund seiner rasanten Bergauffahrten erhält er hier den Beinamen "Schwarzer Adler"! Über unzumutbare "Radwege" geht es in die Innenstadt Dresdens. Man muss auf der "Brühlschen Terrasse" sitzen, um den Beinamen "Elbflorenz"* verstehen zu können.

* Der Blick von Fiesole auf Florenz ist schlichtweg grandios, d. Setzer

- Fortsetzung in Willi 80