Literatur

DAMENWAHL

von Margret Holota - Buchhandlung Akzente -

Eine der wichtigsten Neuerscheinungen in diesem Herbst im Bereich der unterhaltenden Literatur ist ohne Zweifel der neue Roman von Elizabeth George "Nie sollst du vergessen". Eingefleischte George-Fans können mit diesem 900-Seiten-Wälzer bereits den elften Fall, den Inspektor Linley und Constable Havers zu lösen haben, genießen. Und ein Genuss ist es auch dieses Mal wieder, den verschlungenen Seelenpfaden der Protagonisten zu folgen. Im Laufe der Lektüre meint man nahezu jeden mindestens einmal als Täter erkannt zu haben. Dies macht vielleicht deutlich, welch komplexe Charaktere und welch verworrenes Beziehungsgeflecht hier entfaltet werden. Als Projektionsfläche dient natürlich wieder einmal eine Familie und man fragt sich, wie jemand nach der Lektüre diverser psychologischer Kriminalromane überhaupt noch auf den Gedanken kommen kann, eine Familie zu gründen, da diese doch offensichtlich die Brutstätte psychotischer Serienmörder ist...

Aber zurück zu Linley und Havers: das Ermittlungsteam wird mit einer weiblichen Leiche konfrontiert, die zunächst als Unfallopfer gilt, es sich aber schnell herausstellt, dass sie ermordet wurde. Aus ihren Ausweispapieren wird deutlich, dass Eugenie Davies - so heißt die Tote - in einem Ort, der eine Autostunde von London entfernt ist, lebte. Warum befand sie sich spätabends auf einer Straße in London? Zur falschen Zeit am falschen Ort? Wohl kaum, denn ein Zettel mit der Anschrift des Mannes, der sie auf der Straße fand, steckte in ihrer Tasche. Natürlich wird er der Tat bezichtigt, leugnet aber strikt.

Havers und Linley merken bald, dass ihr Chef Webberly in diesen Fall mehr verwickelt ist, als diesem lieb sein kann und sehen sich in dem Dilemma, Solidarität und professionelle Arbeit gegeneinander abwägen zu müssen.

Und dann gibt es auch noch ein musikalisches Wunderkind, einen Geiger, dem vor einem Konzert plötzlich das Spielvermögen abhanden kommt und er seinem Instrument keinen einzigen Ton mehr entlockt. Im Auftrag seiner Psychotherapeutin versucht Gideon sich zu erinnern, um so die Blockade aufzuheben, die ihn am Musizieren hindert. Wir werden Zeugen einer Reise in die Vergangenheit, in eine Kindheit, die geprägt ist von dem Willen der Erwachsenen, die Begabung des Jungen zur vollen Entfaltung zu bringen.

Meisterlich (mir fällt im Zusammenhang mit E. George einfach kein anderes Wort ein) verbindet die Autorin die einzelnen Handlungsstränge, lotet dabei die Untiefen der menschlichen Seele (auch unserer eigenen?) aus und führt uns zu einem atemberaubenden Finale, wie wir es von ihr so nicht gewohnt sind. Also - Platz gemacht im Bücherregal für 900 Seiten Spannung in einem Kriminalroman oberster Kategorie!

E. George: Nie sollst du vergessen; Blanvalet 2001; DM 54,00