Ansichten einer Anachronistin


Liebe heranwachsende Damen, liebe heranwachsende Damen unsachgemäß darstellende Fritzen/Heinis!

Moderne Werbestrategien haben es mir ja sehr angetan. Ein bestimmter Spot möchte zum Bei-spiel vermitteln, dass heranwachsende Damen nichts Besseres zu tun hätten, als kaugummi-kauend im Sonntagsstaat vor Computern herumzuliegen und darauf zu warten, dass ihnen der sog. Messenger von T-Online oder AOL oder irgendeiner anderen virtuellen Kommunikationsge-schichte sagt, dass ihre Freundinnen online sind. Dann springen sie auf, juchzen erbaut und tippen drauflos wie die Weltmeister. Sowas wirklichkeits- und realitätsfremdes!
Heranwachsende Damen im Sonntagsstaat liegen nicht vor Computern herum, heranwachsende Damen im Sonntagsstaat scharwenzeln durch FuZos und Shoppingmeilen, verschicken eine SMS nach der anderen und machen Schnäppchen. Haben Sie sich eigentlich jemals gefragt, von was um Gottes Willen Schnäppchen die Verniedlichungsform ist?

Eine andere Frage, die man sich als reflektierter, kritischer, die Dinge hinterfragender Zeitgenos-se immer mal wieder stellen sollte, lautet: aus welchem Grund neigen Herrschaften männlichen Geschlechts, die das Heranwachsen schon zum größten Teil hinter sich gebracht haben, dazu, in Discotheken die ihnen eigene Fortbewegungsweise zugunsten eines discospezifischen, rhyth-misch inspirierten, wippenden Schreitens aufzugeben? Das Discowippschreiten beinhaltet in regelmäßigen Intervallen auftretendes, angedeutetes Beugen der Knie, nicht selten begleitet von taubenhaftem Rucken des Kopfes und in Einzelfällen auch ergänzenden Bewegungsabläufen von Rumpf und Armen. Oherroherr, würde meine Omma sagen. Was sie noch sagen würde, erfahren Sie hier:

Ommawörterbuch Teil 13

ein Schittken - ein bisschen
teilacken - spazieren, umherschweifen, ausgehen
Stutzen - Kniestrümpfe

Besonders viele Wippschreiter scheinen sich auf der beliebten Adultsparty im Kulturrevier Rad-bod alias der Zeche zu tummeln. Da ich auch schon ziemlich herangewachsen bin in den letzten Jahren, darf ich mir solche Veranstaltungen nun aus der Nähe begucken. Es war auch mächtig was los. Der Mann an meiner Seite, welcher nochmal gut dreißig Jahre älter ist als ich selber, verfiel sogleich (unter Alkoholeinfluss) in das von der Menge vorgemachte Wippen/Schrei-ten. Geheuer war mir das nicht. Die Mob tanzte bis zum Dorthinaus, der DJ erfüllte die exzentrisch-sten Musikbegehre, sogar zwei der meinen.
Und hier noch eine ultraweihnachtliche Aufklärungsinfo für alle Inhaber heranwachsender Sprösslein: das Sprösslein ist nicht zwingend auf direktem Weg in Kriminalität, Tod und Verder-ben wenn es urplötzlich anfängt, sich sinister in Schale zu schmeißen, nur noch Marilyn Manson und :wumpscut: hören will und wo es geht und steht Patchoulywogen ausdünstet. Es verwirklicht sich nur. Und fänden Sie es vielleicht schön, wenn es stattdessen ständig heimlich Loveparades antrampen würde, um sich dort von Millionen anderer entgleister Heranwachsender im Rausch furchtbarer Drogen totquetschen zu lassen? Nein, das fänden Sie nicht schön. Deshalb rate ich: besinnen Sie sich, seien Sie tolerant und gehen Sie zur Adultsparty während das Sprösslein zum Danse Macabre geht.


Frohe Weihnachten
Gescheit Eure Bianca



©2002 Stadtführer Verlag, Reinhard Bialas