Literatur
DAMENWAHL
von Margret Holota - Buchhandlung Akzente -
Leiden Sie schon einmal an Schlaflosigkeit? Vielleicht zu spät am
Tage Kaffee getrunken? Vollmondnacht? Wasserader unter dem Bett? Stress
auf der Arbeit? Ein nicht ausgesprochener Ärger, der den Schlaf raubt?
Ach, die Schrecken, die uns in modernen Zeiten nicht schlafen lassen,
sind anderer Art: e-mails, die uns verkünden, dass wir beobachtet
werden, dass wir nur noch kurze Zeit zu leben haben und unheilvolle SMS-Botschaften,
die durch den Äther auf unserem Handy landen. So geschieht es Savanna
Brandt in Barbara Voors' Roman "Insomnia". Savanna ist 36 Jahre
alt, Literaturwissenschaftlerin und eigentlich mit einer Dissertation
zu Elizabeth Brown beschäftigt. Nur - wer ist schon in der Lage,
nach wochenlanger Schlaflosigkeit kluge Sätze von sich zu geben?
Savanna watet durch die Tage, unfähig, mit ihren Menschen wirklichen
Kontakt aufzunehmen. Ihr wohlwollender Chef, dem viel an ihr gelegen ist,
rät zu psychologischer Beratung und empfiehlt eine ihm bekannte Seelsorgerin,
die sich auch mit Hypnose beschäftigt. Savanna weiß, dass sie
im Alter von elf Jahren einen Mörder kurz nach seiner Tat gesehen
hat, der jedoch nie gefasst wurde. Die Vermutung liegt nahe, dass der
Täter von damals ihr nun droht, um seine Entdeckung kurz vor Verstreichen
der Verjährungsfrist zu verhindern. Doch warum gerade jetzt? Hat
Savanna den Mörder durch irgend etwas aufgeschreckt, ohne sich dessen
bewusst zu sein? In ihrer Not ruft die Wissenschaftlerin in einer schrecklichen
Nacht, in der sie im Fahrradkeller überfallen wurde, den Polizisten
an, der vor mehr als 24 Jahren die Ermittlungen in dem Mordfall leitete.
Der ist nun leider seit einem Jahr tot und der Sohn ist seine Nachfolge
angetreten - sowohl, was die Polizistenrolle als auch, was das besondere
Interesse und die besondere Fürsorge für geschlagene und misshandelte
Frauen anbelangt. Savanna fasst Vertrauen zu dem Polizisten Jack, der
- zugegebenermaßen - reichlich unprofessionell, dafür aber
mit dem Herz auf dem rechten Fleck versucht, Savanna zu helfen.
Barbara Voors lädt uns nach ihrem ersten im letzten Jahr auf deutsch
erschienenen Titel "Klaras Tagebuch" ein weiteres Mal ein, die
mehrbödige Psyche einer Frau zu ergründen und uns am Ende von
der Wahrheit (soweit es denn eine gibt) überraschen zu lassen. Mit
großer Offenheit werden die Schattenseiten des menschlichen Daseins
aufgezeigt. Das macht die Figuren in diesem Roman sympathisch und gibt
uns LeserInnen die Kraft und den Mut, uns den eigenen Dämonen zu
stellen. Also - kein typischer Krimi, ebenso kein typisch schwedischer
Krimi, auch wenn die Geschichte ungemein spannend ist - dafür um
so mehr ein Buch, das über den Moment des Lesens hinaus seine Wirksamkeit
entfaltet. Reicher an Erkenntnis und mit Stoff für Träume von
einer liebevolleren und ehrlicheren Welt versehen, entlässt uns Barbara
Voors wie-der in unseren Alltag.
Voors, Barbara: Insomnia; Gustav Kiepenheuer Verlag 2001; DM 39,90
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