Psycho-Beratung


Mein Mann kann nur als Nikolaus
Eine physiologistische Leserverabreichung von Dipl.-Psychol. Dr. Sonja-Renate Rüpelhof-Lammkoether


Liebe Frau Rüpelresch-Lammkeule,

Zunächst möchte ich mich Ihnen vorstellen, ich heiße Ingeburg Abdecker, bin 44 Jahre alt, habe einskommaacht Kinder im Durchschnitt und bin verheiratet. Mein Gatte ist bei der Deutschen Bahn beschäftigt, er ist dafür zuständig, die aufgebrachten Fahrgäste, die aufgrund des schlech-ten Service´ oder der zahlreichen Verspätungen ausflippen, zu beruhigen. Hierfür hat er vom "Budweiser-Institut", einer Lehranstalt für angewandte Fahrgastberuhigung, ein Dip-lom erhalten. Nach einem Vierstunden-Lehrgang, versteht sich, denn man muss schon eine gute Ausbildung vorweisen, will man bei der Bahn etwas werden. Nun ist es manchmal nicht einfach, die gebeutelten Bahnbenutzer gnädig zu stimmen, denn sie werden nur allzu oft auf eine harte Probe gestellt. Daher hat sich Holdi (Koseform für Berthold) etwas einfallen lassen, um die oft so ge-spannte Stimmung zu lockern. Er trägt Kostüme. Und zwar Kostüme der verschiedensten Art, wie Hasenkostüme (zu Ostern), Clownskostüme (zu Karneval), er geht als Henne (zum Sommer), als Brat-hähnchen (zum Oktober) und er wählt ein Nikolauskostüm zur Weihnachtszeit. Holdi geht in seinem Beruf voll auf, er identifiziert sich geradezu mit seinem jeweiligen Outfit und es fällt ihm manchmal schwer, nach Feierabend in sein normales Leben zurück zu finden. Abgesehen davon, dass die Leute sich über ihn schlapp lachen und er ständig nur gedemütigt wird, was er nicht bemerkt, beeinträchtigt seine Veranlagung auch unser häusliches Zusammenleben. Ja, Sie haben richtig gelesen, es ist eine Veranlagung, denn er kann, oder will nur noch im Kostüm! Wie, Sie verstehen nicht? Dann will ich es Ihnen erklären: Mein Gatte ist, was die vor sechzehn Jahren vor dem Standesamt vertraglich vereinbarte, eheliche geschlechtliche Zuwendung be-trifft, äußerst aktiv. Das bezieht sich nicht nur auf unser heimatliches Schlafgemach, sondern der Mann ist auch des öfteren außer Haus tätig. Gut, werden Sie sagen, das ist doch aufregend, was beschwert sich die Alte denn? Aber, liebe Frau Psychologin, haben Sie schon mal mit ei-nem Hasen gepennt? Oder mit einem Huhn, einem Clown oder gar einem Brathähnchen? Zur Zeit ist der Nikolaus aktuell. Sehen Sie, jetzt müssen Sie aber erst mal durchatmen, oder? Ja-wohl, der Mann kann nicht mehr ohne Kostüm. In der häuslichen Schlafstube ist es schon al-bern genug, mit einem Typen intim zu werden, der andauernd gackert, wenn er gerade mal wieder als Huhn tätig wird. Oder wenn der Weihnachtsmann mich in meinem Bette andauernd mit "Ho ho ho" in Fahrt bringen will. Da vergeht mir doch alles. Gestern hat der Kerl mich doch auch noch mit einem Gedicht genervt: "Von drauß´ vom Bahnhof komm´ ich her, hab dir ´ne Rute mitgebracht, sei jetzt mal sehr sehr lieb zu mir, dann zeig ich sehr lieb zu mir, dann zeig ich dir, was die so macht." Sagen Sie mal, liebe Frau Doktor, hat der noch alle Tassen im Schrank. Aber das war noch lange nicht das Schlimmste. Ich schrieb ja eingangs, dass mein Gatte auch außer Haus sehr rührig ist. Nun waren wir kürzlich, zum 11.11. (Karnevalsbeginn) zu einer Gala des "KV Einfalt Freiske" eingeladen, mit Kostümzwang. Ich gab die Cleopatra und Holdi ging als Huhn. Auf der Tanzfläche tanzten wir gaaaanz eng miteinander, Sie verstehen? Die anderen Narren schauten schon manchmal zu uns herüber. Mir war das schon richtig peinlich, ein Huhn auf der Cleopatra, stellen Sie sich das mal bildlich vor. Plötzlich erhob sich mein Gemahl, fing lautstark an zu gackern, schlackerte mit den Flügeln/Armen - und legte ein Ei... ! Und das ging mir zu weit. Was soll ich nur mit diesem Mann machen, liebe Frau Doktor?

Liebe Grüße, Ihre Ingeburg Abdecker, Bönen.


Liebe Frau Abdecker,

ich habe versucht, mich in Ihre Lage zu versetzen, indem ich recherchiert habe. Zwar war das nicht einfach, aber einen Teilerfolg konnte ich verzeichnen. Einen "Clown" zu finden, der mit mir den Beischlaf durchführt, war nicht soo schwer, denn in Hamm gibt es einige dieser Spezies. In fast jeder Gaststätte sitzen sie zu Hauf an den Theken und reißen ihre Witzchen. Der Nikolaus ist in dieser Jahreszeit auch nicht so selten, ich fand einen in einem Hammer Einkaufszentrum, der sich ein paar Minuten freimachen konnte, um mich bei meiner Studie zu unterstützen. Ich muss ehrlich sagen, so überragend waren beide nicht. Der Clown "kam" zu früh, was jedenfalls ausschließt, dass er bei der Deutschen Bahn tätig ist, und der Nickelaus verhedderte sich mit seiner Rute im Knopfloch seines Mantels. Ein Huhn war nur mühsam zu bewegen, meine Wün-sche zu erfüllen und ein Brathähnchen gar nicht. Mein Rat an Sie, liebe Ingeburg, beschränken Sie sich in Ihrem Geschlechtsleben auf Ostern und nutzen Sie die Potenz des Hasen. Das wird Sie für den Rest des Jahres entschädigen.

Herzlichst, Ihre Reni.



©2002 Stadtführer Verlag, Reinhard Bialas